Band 
Achter Band. O bis Q.
Seite
896
JPEG-Download
 

896

Prosodie

Wohllaut ist, z. B. das Italienische und Spanische, lieben gehäufte Vocale undmeiden oder dämpfen die Gemalt und Anstrengung der Consonanien. In den »or-bischen Sprachen herrschen dagegen die Consonanten, deren 2 gewöhnlich aus ein-ander folgen, 3 aber das Ungewöhnlichere sind, und also wehr den Ton anhaltenund hemmen. Daher 3 unmittelbar aus einander folgende Consonanien im Deut-schen die Sylbe durch Position verlängern würden, und zwar nicht, wenn ein End«cvnsonant mit 2 anfangenden zusammenträfe, sondern wmn auf 2 endende 1 an-fangender folgte, B. blutend verschied, mächtig trieb, wobei freilich, da der Fußnicht den RkwibmuS, sondern dieser den Fuß macht, die Gesetze dcs RhvlhwuS zubefragen sein würden. Eine solche Bestimmung des Zeitverhalts nach dem verhält-nismäßigen Gewichte der Svlben unter einander heißt Quantität, und Sprachen,in welchen Vocale vorherrschender Theil sind, neigen sich an und für sich mehr zurQuantität und können daher guantitirende genannt weiden. Dagegen neigen sichandre, in welchen Consonanien vorwalten, Mehr zum Accent, indem sie den Ton-verhalt mehr nach einem innern Grunde, der logischen Begriffsprioriiät, bestimmen,und heißen daher accentuirende Sprachen. Man hat allgemein die neuern alsaccentuirend angesehen, und so auch die deutsche. So lange unsere deutsche Poesieim Reim , in der Assonanz und Alliteration (s. d.) eine Entschädigung fürden Mangel größeres Rhyihiiienreichihums, z. B. der Griechen, hatte, bln-b auchunser Sylbengehalt höchstens nach dem Tonmaße und der Gemalt des Taktes be-stimmbar. Aber sowie in der künstlichen Poesie Sprache, Grammatik und Me-trik sich mehr und mehr ausbildeten, als durchRamler undKlopstock unsereSpracheauch in antiker Rhythmen Nachbildung sich versuchte, verlangte auch die Prosodieeine nähere Erörterung und Bestimmung. Der g.istreicbe Moritz versuchte zuerst,in seinem „Versuche einer deutschen Prosodie" (Berlin 1780) ein Svstem aufzu-stellen, dessen Grundlage die Messung der Sylben nach tcm Begriffe war, sodaßbei der Bestimmung der Länge und Kürze der Srlbcn es nicht >m geringsten aufdie Buchstaben der einzelnen Laute, woraus sie bestehen, ankomme, sondern bloßauf ihre Stellung neben einer bcdeukentern oder unbcdeutendernSylbe. Er ordneteauch i» dieser Hinsicht die Redethe'le tabellarisch. Indeß ließen sich die Foderungendes Ohrs nicht abweisen, ja die Sprache fugte sich ihnen, von kunstfertigen Hän-den geleitet, gern und willig. Voß bildete immer mehr Versmaß der Griechen undLateiner nach, ja er gab eine Zeitmessung der teutschen Sprache als Beilage zuseinen „Oden und Elegien" (Königob. 1802) heraus, worin d e Rechte des Ohrsgegen das Auge schon lauter durchgesetzt, und die Rhythmen musikalisch bezeichnetwurden. Indessen halte Hermann, der berühmte leipziger Philolog , ein lat. undein deutsches Lehrbuch der Metrik hei ausgegeben, um sie wissenschaftlich m be-gründen. Aber er betrachtete den Rhythmus als bloß dem Auge dienend, ohne ihnin sinnlicher Anschauung auffassen zu können; dazu fehlte es ihm an Kemnniß derMusik. Da nun hatte der geiss und kennmißreiche Apel einen Cyklus von Nachbil-dungen des Styls griech. Tragödie begonnen. Seine im „Polpidos" vorkommen-den D rle befriedigten fein Ohr nicht. Mit den „Aitoliern" ging ihm, der auch eingründlicher Musikkenner war, plötzlich eine neue, aufMusik gegründete und aus ihrabgeleitete Metrik auf, deren Hauptergebnisse er zuerst als Anhang zu den,-Aito-liern" aphoristisch lieferte, in der Tragödie „Kalln hob" meisterlich übte, dann in der,,Musikal. Zeitung" (1807) durch alle Metra hindurch verfolgte. Schon hier ge-lang es ihn, bei einer genau beobachteten Prosodie, metrische Variationen über einTh-ma, mit ihrer'musikalischen Bezeichnung gegenüber, in wohlklingenden undrichtige» Versen aufzustellen, bis er endlich in seiner „Metrik" (Leipz. 181t; inwelcher er auch auf Hermanns neue Bearbeitung der Metrik Rücksicht genommenhat) eine allgemeine Prosodie aufstellte. Aus ihr ergab sich. daß, wie wir Teut-sche überhaupt in Kunst und Wissenschaft ein vermittelndes Volk, unsere Sprache