424 Von der Wahl
Die Zunge stirbt mir in dem Munde;
Die Gluth durchlauft mir Marck und Bein.
Mein Auge hat sein Licht verlohrcn;
Ein Brausen fallt mir vor die Ohren;
Ich schwitze kalt; die Glieder beben;
Die Farbe welckt; bald geht das Leben
Mir vollend mit dem Odem aus.
Und zu diesem Exempel füget Longinus fol-gende Anmerckung hinzu: „ Bewunderst„ du nicht, wie sie bey einer einzigen Sache„ die Seele, den Leib., das Gehör, die„ Zunge, die Augen, die Farbe, mit ein-„ mahl herzuholet, als ob es so viele ver-„ schiedene Personen wären , die gleich den„ Athem ausblasen wollten? Von was vor„ widrigen Bewegungen wird sie nicht zu-„ gleich eingenommen ? Sie friert, ihr ist„ heiß, sie ist thörigt, sie ist klug ; sie ist,, entweder ausser sich, oder sie ist beynahe,, todt. Kurtz man könnte sagen, sie wäre„ nicht von einer Leidenschaft alleine einge-„ nommen, sondern ihr Hertz wäre ein rech-„ ter Sammelplatz aller Leidenschaften. Und„ dieses begegnet den Verliebten in derThat.„ Also hat besagtermassen dieWahl der Um-stände und ihre geschickte Verbindung das„ Erhabene allhier zuwege gebracht.,. Wasdieser griechische Kunstlehrer hiemit alleine vorein Mittel, das Erhabene hervorzubringen,vorgeschlagen hat, können wir auf alle Anen
der