Buch 
Die Glasfabrikation : mit 201 in d. Text eingedruckten Holzstichen / von H. E. Benrath
Entstehung
Seite
8
JPEG-Download
 

8 Geschichte.

Eine deutsche Hütte aufzuführen, die bis zum XVI. Jahrhundert hin be-rühmt gewesen wäre, ist bisher unthunlich. Mathesius führt hessisches Tafelglasan, und erwähnt der Glasproduction am Spessart, in der Pfalz und im Meißenschen.

Im engsten Zusammenhange mit der deutschen Glasindustrie steht die Böh-mens, die im XV. Jahrh, eine Rolle zu spielen beginnt. Hier geschieht zuerst um1412 einerGlashut in Silva vaubitL" Erwähnung und 1443 errichtet PaulSchirm er eine Hütte zu Steinschönau. In derselben Zeit wird eine solche, angeblichdie erste, unter Peter Berka von Duba unter demTannenberge bei St.Georgen-thal angelegt. Die vorzügliche Reinheit der Materialien gestattete der böhmischenGlasindustrie, sich, was die Farblosigkeit ihres Productes betraf, Venedig an dieSeite zu stellen, dennoch sehen wir von ihr einen gänzlich anderen Weg einge-schlagen. Das böhmische Glas wetteiferte in Farblosigkeit und Glanz mit demBcrgkrystall, und so bemächtigten sich seiner die Steinschleifer, die in Prag seitalter Zeit einen gewerblichen Mittelpunkt gehabt, und bildeten aus ihm Formen,die, die bildsame weiche Masse ncgirend, rein dem Krystallstyl angehörten, und sichimböhmischen Krystall" bis auf unsere Zeit erhalten haben. Neben der Hohl-glasfabrikation erblühte allmälig eine zu hohem Rufe gelangende Tafelglasfabri-kation, und wurde dann, von Venedig her, die Bereitung der Schmelzfarben unddie Glasmalerei nach Böhmen importirt. Aus der Anfertigung der Schmelzfarbenentwickelte sich hier, wie in Murano, diePerlensabrikation und die Anfertigung falscherSteine, die von denGlaskuglern" in der Gegend von Reichenberg, Gablonz undTrautenau schwunghaft betrieben wurde.

Mit dem Sinken der venetianischen Industrie fiel der Weltmarkt Böhmenzu, das bereits im XVII. Jahrh, ganz Europa durch seine Geschäftsreisenden be-suchen ließ, und in fast allen Hauptstädten seine stehenden Niederlagen besaß. Bisgegen Ende des vorigen Jahrhunderts erhielt sich diese Bedeutung Böhmens inder Glasindustrie, aber schon war seine Fabrikation nicht mehr das, was sie einstgewesen. Als daher fast alle Staaten Europas das böhmische Glas mit hohemEinfuhrzoll belegten, die Einwanderung dortiger Arbeiter aber in jeder Weisebegünstigten, trat bald ein gänzlicher Verfall ein, und erst den Anstrengungenin den letzten Jahrzehnten hat Böhmen es zu sanken, daß seine Glasindustrie sicheine geachtete und vielversprechende Stellung ynedererworben.

In Deutschland hatten sich unterdeß Mehrere regierende Häupter der Glas-industrie mit Vorliebe angenommen. So war unter anderen die churfürstlicheHütte auf der Pfaueninsel bei Potsdam im XVII. Jahrh, ins Leben gerufenworden, und erwarb sich unter Kuncke l's Leitung, namentlich durch ihren Goldrubin,großen Ruf. Unter dem Ministerium Danckelmann wurden dann französischeArbeiter ins Land gezogen, und unter Moor's Leitung die Fabrik für geblaseneSpiegel zu Neustadt a. d. Dosse 1695 angelegt, deren Arbeiter, als nachDanckelmann's Sturz Neustadt zeitweilig ins Stocken gerieth, auf Veranlassungdes Churfürsten Lothar Franz die in der Folge zu großem Ansehen gelangteSpiegelfabrik zu Lohr a./M. anlegten. Bald folgte die Gründung gleicher Fa-briken zu Schleichach bei Würzburg, Fahrafeld bei Wien, zu Grünenplan beihannöverisch Münden, zu Scnftenberg in Chursachsen sowie zu Alten-Kronau inHessen. 1710 endlich wurde durch den Grafen Rechtskron auch der Spiegelguß