15
Eigenschaften des Glases.
An seinem dicken Ende verträgt dieser Tropfen eine selbst ziemlich starke vonaußen kommende Erschütterung, wie z. B. einen leichten Schlag mit dem Hammer,sobald man aber, selbst nur ganz leicht, wie z. B. durch Abbrechen der feinenFig. 1. Spitze a, das gezwungene
Gleichgewicht der einanderentgegenwirkenden Span-nungen innerhalb derGlasmasse stört, zerfälltdieselbe augenblicklich zu Staub. Wie hier die geringste Verletzung der Oberfläche,so wirkt, bei zu rasch gekühlten Hohlgläsern, die, durch in dieselben gebrachte heißeoder kalte Flüssigkeit oder die Wärme der Hand, bedingte Ausdehnung oderZnsammcnziehung der inneren oder äußeren Oberfläche, durch welche das labileGleichgewicht aufgehoben wird, zerstörend ein, und macht das Gefäß springen.Aufgabe der Hütte ist es, solcher Unhaltbarkcit ihrer Prodncte nach Kräften ent-gegenzuarbeiten, und geschieht dieses durch den sogenannten Kühlproceß, bei demdie fertige Waare nochmals stark erhitzt, und dann, um Temperatur- und damitDichtigkcitsdifferenzcn innerhalb der Masse thnnlichst zu vermeiden, langsam undmöglichst gleichmäßig abgekühlt wird.
Chemisches Verhalten. Von ätzenden Alkalien, namentlich in con-centrirtcn Lösungen, wird alles Glas stark angegriffen, indem ihm Kieselsäure ent-zogen wird. Weniger energisch ist die Einwirkung der Miueralsänrcn auf gutzusammengesetztes Glas; aber sowohl solche als selbst reines Wasser wirken, wennauch unter gewöhnlichen Umständen sehr langsam, zersetzend auf die Glasmasse ein.
Die zerstörende Einwirkung des Wassers auf Glas zu beobachten bietetsich an Fensterscheiben in feuchten Räumen häufig Gelegenheit. Die Scheibenbedecken sich hier zunächst mit einer alkalisch rcagircndcn Fcuchtigkeitsschicht, diesich, trotz allen Wischcns, stets wieder erneuert, sie „schwitzen", wie solches z. B.nach Paligot an allen englischen Spiegelgläsern der Londoner Ausstellung von1851 beobachtet wurde.' Bei andauernderer Einwirkung der Wasserdämpfe ver-liert die Oberfläche des Glases ihren Glanz und letzteres seine Durchsichtigkeit —es wird „blind" —, fängt endlich an oberflächlich zu reißen, und, indem sich feineSchnppchcn ablösen, zu „schclvcrn". Häufig tritt in diesem Stadium der Zer-setzung, geht letztere allmälig und ungestört vor sich, ein Jrisiren der Oberflächeein, auf der Prachtvolle Jntcrfcrenzfarben sichtbar werden.
Bei weiterem Fortschreiten der Einwirkung des Wassers, die man in ihrenErfolgen namentlich an Gläsern aus antiken Gräbern zu beobachten Gelegenheithat, zeigt das Glas selbst eine rauhe, zerfressene Oberfläche und ist von einer mehroder weniger bräunlich gefärbten, lockeren, leicht zerfallenden, und von dem nnzcrsctztgebliebenen Kerne leicht abspaltbarcn, erdigen Kruste umgeben. Daß wir es beisolchen Objecten mit den Resten einer wirklichen Zersetzung des Glases zu thunhaben, leuchtet schon aus dem äußeren Ansehen desselben ein, einen näheren Ein-blick in den Act der Zerstörung selbst gewährt eine von Hausmann ft äuge-
st Nachrichten v. d. tlnwers. d. Gesellsch. d. Wissenschaften zu Göttinnen 1850