265
Weißhohlglas: Formarbeit.
Zeichnungen wiedergegeben«! Ausarbeitung eines spitzen Champagnerglases(Fig. 94) auch wohl ohne weitere Beschreibung vollkommen verständlich sein.
Wie das bereits bei der Bouteillenfabrikation erwähnt worden, löst sich vondem fertigen Objecte das Glas, mit dem das Hefteisen angeklebt worden war,nicht glatt und gleichmäßig ab, es bleibt an der Heftstelle ein rauher, schneidendeKanten besitzender „Nabel" zurück, der bei feinerer Waare nachträglich durchSchliff entfernt zu werden Pflegt. Uni ein derartiges Nachschleifen bei ordinärerWaare, die es vertheuern würde, zu umgehen, wird bei solcher, bei der aufgroße Sicherheit der Befestigung des Hefteisens weniger ankommt, das am Pontilaufgenommene Glas, bevor es an das in Arbeit befindliche Stück angeheftet wird,in Sand getaucht, der beim Anheften sich zwischen die zu verbindenden Glasflächenlagernd, ein durchgängiges Verschmelzen derselben verhindert.. Solche Befestigungist daher leichter lösbar, und hinterläßt auf dem Arbeitsstücke nach Abtrennungdesselben vom Hefteisen, nur einen „Sandnabel", eine rauhe Fläche, ohne alleschneidende Bruchkanten, von der der anhaftende Sand sich leicht abreiben läßt.
Den Gegensatz zu der an den vorstehenden Beispielen erläuterten Stuhlarb eit,bildet die bei Weitem jüngere Formarbeit, deren Ausbildung hauptsächlich ausdein Streben, auch weniger geübte Kräfte zur Hohlglasanfertigung verwenden zukönnen, hervorgegangen, die in neuester Zeit immer weiter um sich gegriffen, undes zu einer Entwickelung gebracht, welche sie befähigt, bei Gegenständen des täg-lichen Gebrauches, mit der Stuhlarbeit zu concurriren, muß sie auch, wo es aufkünstlerische Vollendung der gelieferten Products ankommt, letzterer noch, und auchwohl für immer, den Platz räumen.
Schon bei Besprechung der Bouteillenfabrikation wurde erwähnt, wie beigewissen Sorten, so bei eckigen Flaschen, der eckige Theil derselben nur in Formen,deren schon Kunckcl Erwähnung thut, und eine verstellbare solche für viereckigeFlaschen beschreibt gebildet werden könne. Auf dem hier eingeschlagenen Wegefortschreitend, gelangte man zu der Erkenntniß, daß auch die Bildung des ganzenGefäßes, war man bereit, auf die Gleichförmigkeit und Einheitlichkeit der Licht-reflexion auf der Oberfläche, die sich in der Form nicht in dem Maße erreichenläßt in dem frcigeblasenc Objecte sie zeigen, zu verzichten, in Formen beiweitem leichter durchzuführen sei, als bei der, bei complicirteren Gestalten oftgroße Uebung und Accuratesse erfordernden Stuhlarbeit. Was die unebene Ober-fläche betrifft, so wurde, da sich eine gleichmäßige glatte Fläche nicht erreichenließ, solche überhaupt nach Möglichkeit vermieden, und das zu bildende Gefäßmit Riefen, Netzmustern und, leider auch nur stumpfkantig ausfallenden, demKrystallschliff entlehnten Formen bedeckt, wie man dergleichen unwillkürlichenSchmuck an Karaffen, Gläsern, Petroleumbchältern rc. neuerdings im Ueber-maße zu sehen Gelegenheit hat.
Die Technik der reinen Formarbeit möge die nachstehende Beschreibung derHerstellung einer Karaffe illustriren. Auf seinem Arbeitsplätze, direct vor demSchmelzofen, ist dem Arbeiter die gegossene Hohlform für das zu fertigendeArbeitsstück an bequemer Stelle, am Rande der Arbeitsbühne, aufgestellt. Sie
vitriariL, Ausgabe von 1744, S. 424.