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Gewalztes Spiegelglas.
wahrscheinlich hergestellt, indem in einen, auf ebene, glatte Unterlage gestellten,festen Rahmen, dessen Lumen der Oberfläche der verlangten Scheibe gleich, mitmetallenem Schöpflöffel, das erforderliche Glasquantum eingegossen, und dann,mittelst einer Krücke, die möglichst gleichmäßige Bcrthcilung der dickflüssigen Massebesorgt wurde ^).
Ersetzte nun auch, wie wir gesehen, eine spätere Zeit dieses antike Gußvcr-fahren für gewöhnliches Tafelglas durch das Blasen, und wenn erforderlich Strecken,der zähm Glasmasse, und lieferte auf diesem Wege ein gerechtfertigten Ansprüchenan Ebenheit und Durchsichtigkeit mehr entsprechendes Product, so ist es doch fraglich,ob der Guß jemals so gänzlich in Vergessenheit gcrieth, wie das gewöhnlich ange-nommen zu werden Pflegt, wenigstens berichtet Bontemps, daß, bereits vor derErfindung Louis Lucas de Nehou's, gegen die Mitte des 17. Jahrhundertsauf mehreren englischen Glasfabriken, so z.B. auf der Hütte zu Southshieldsdie rohen Platten zu kleinen Spiegeln hergestellt worden seien, indem man an derPfeife (?) ein großes Quantum heißen Glases aufnahm, dieses auf eine Marbel-platte abfließen ließ, die letzte nur langsam abfließende Portion durch einen Schnittvon der Hauptmasse trennte, und letztere dann mit eiserner Krücke ebnete undformte 2 ), ein Herstellungsverfahren, das also mit dem aus dem Acußeren der pom-pejanischen Scheibe erschlossenen antiken nahe übereinstimmte, wie jenes aber auchnur Gläser von sehr beschränkten Dimensionen zu liefern gestattete.
Gewalztes Glas.
Könnte es nach dem eben Erwähnten den Anschein haben, als geschähe Lucaszu viel Ehre, wenn er allgemein, und so auch in früheren Partien vorliegendenWerkes, als Erfinder des Gußverfahrens und als geistiger Vater unserermodernen Spicgclfabrikation bezeichnet zu werden pflegt, so wäre eine derartigeSchmälerung seines Ruhms doch in höchstem Grade ungerechtfertigt. Freilich,daß sich flüssiges Glas, wie jede Flüssigkeit, schöpfen und aus dem Schöpflöffelausgießen lasse, diese Erfahrung hatte gelegentlich wohl jeder Hüttcnjunge zu machenGelegenheit gehabt, neu aber war die kühne Idee, den Hafen mit seinem weiß-glühenden Inhalte, den man vor jedem Luftzuge auf das Sorgfältigste zu hüten,seit Alters gewohnt gewesen, aus dem Schmelzraume heraus an die freieLuft zu bringen, und ihn hier direct auszugießen, neu ebenso der fruchtbareGedanke, die Glastafcl herzustellen, indem man die noch flüssige Masse mittelsteinerWalze, vor die sie hingegossen worden, über die ebeneUnterlage aus-breitete, und in diesen Ideen ist eben das Wesen der, in das Jahr 1688fallenden, großen Erfindung Louis Lucas de Nehou's zu suchen.
Ein Glück für den uns im Folgenden beschäftigenden Theil der Glasfabri-kation war es, daß Lucas' Vorschläge, trotz ihrer Kühnheit, so plausibel klangen.Hätten die Gründer der ersten Fabrik für gewalztes Spiegelglas geahnt, welcheSchwierigkeiten zu überwinden sein würden, bevor die neue Fabrikationswcise
6uiäs äu vsrrisr, x. 224. — 2 ) tzniäs äii vsrrisr, x. 429.