194
Bodmer.
leicht vom Lesen zum Schreiben über; aber wenn er einmal die Federergriffen hat, so geht es mit Adlcrsslügeln und Adlcrsstärke." DieDichtung, deren Bodmer erwähnt, sind die „Briefe von Ver-storbenen an hinterlassene Freunde" (1753), nach dem Muster derRowc, in welchen sich die weiche Frömmigkeit dieser mit den platonischenIdealen verschmelzen muß. Indem er durch dieselben zarten Seelendie Würde und Unsterblichkeit der Seele einprägen wollte, sollten siezugleich der fernen Geliebten ein Zeugniß sein, wie er gleichsam alsein der Welt Abgestorbener nur den hohem Welten lebe. Wie selbstän-dig diese Briefe entstanden, beweist am besten Wielands eigene Vor-rede, der zufolge dieselben entworfen waren, bevor er nach Zürichkam. „Der Entwurf dieser Briefe war die Frucht einsamer Stundenim Jahre 1752; die Ausführung aber der unmittelbar folgenden glück-lichen Zeit, an die ich mich niemals ohne die angenehmste Empfindungerinnere, da ich in dem Hause meines theuersten Hrn. Bodmers, vonseiner und des vortrefflichen Hrn. Canonicus Breitingcrs Freundschaftbeglückt und aufgemuntert, und um und um gleichsam von den ehr-würdigen Schatten der Weisesten und Besten unter Alten und Neuernumringt, in sorgcnfrcyer Ruhe, der Erforschung der Wahrheit und demDienste der Musen oblag." Wenn die Geliebte im Allgemeinen dieMuse dieser Briefe war, so ist dagegen der erste derselben, wo ein imLeben Blinder die Glückseligkeit des Schaums im ewigen Leben darstellt,nicht ohne feine Beziehung auf die blinde Gattin seines Hauswirthcs.Wie sehr übrigens Bodmer nicht nur der sentimentalen Vcrstiegcnheitder Briefe der Verstorbenen fremd war, sondern auch im Stillen denKopf dazu schüttelte, beweist folgende Mittheilung an Hcß: „Hr. W.ist gerade jetzo beschäftigt, die Ohren zu den Reden zu spitzen, die überseinen Briefwechsel in den Himmel und mit dem Himmel geführt werden.Hr. Canonicus Zimmcrmann will nicht glauben, daß man im Himmelso unnatürlich rede." Maser scheute sich nicht, seine satyrische Launeöffentlich gegen die Briefe laut werden zu lassen. Dagegen wünschteBodmer allerdings, das herrliche Talent seines Freundes für den heiligenGesang zu benutzen. Allein so wie Wieland schon vor seiner Anwesen-heit in Zürich das Ansinnen Bodmers, die Sündflut fortzusetzen, ab-gelehnt, eben so selbständig zeigte er sich auch in dessen unmittelbarerNähe. Wie aber auch Bodmer die Unabhängigkeit seines Freundeszu ehren wußte, crgicbt sich aus einer andern Briesstelle, der zufolgeJener wünschte, daß dieser ein Gedicht unter dem Titel: Der Knabe