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Des Vitruvius zehn Bücher über Architektur / übers. und durch Anmerkungen und Risse erläutert von Franz Reber
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Kunstwerke übertragen. Weil aber nun jene nicht offenbar und nichtsichtbar vor Augen sind, wie wir glauben, daß es sein sollte, und ichbemerke, daß vielmehr die Unausgebildeten höher in Gunst stehen, alsdie Gebildeten, so werde ich, da ich es nicht für passend erachte, michmit den Ungebildeten in einen Wettstreit einzulassen, lieber durch dieHerausgabe dieses Lehrbuches die Trefflichkeit unserer Fachkundezeigen.

H. Deshalb habe ich Dir, o Imperator, im ersten Buche überdie Kunst, und welche Eigenschaften sie habe, und mit welchen Wissen-schaftszweigen ein Baumeister ausgestattet sein müsse, ausführlichgesprochen, und die Gründe eingeflochten, warum er in diesen erfahrensein müsse, habe das Wesen der gesammten Architektur durch Ein-theilung zergliedert und begrifflich dargelegt. Dann habe ich, wasdas Erste und Nothwendige war, aus wissenschaftlicher Grundlageauseinandergesetzt, wie für den Mauerring gesunde Plätze ausgewähltwerden, und durch geometrische Figuren gezeigt, welche Winde esgibt und aus welchen Gegenden die einzelnen wehen, habe gelehrt,wie die Vertheilung der Straßen und Häuserreihen untadelhast aus-geführt werde, und habe so das erste Buch abgeschlossen. 5. Fernerim zweiten Buche habe ich vom Baumaterial gehandelt, von denVortheilen, die es beim Bauen hat, und von den Eigenschaften, mitwelchen es von der Natur ausgestattet sei. Jetzt im dritten Buchewerde ich von den Tempeln der unsterblichen Götter sprechen undentwickeln, wie sie angelegt sein müssen.

Erstes Mßrtel.

Woher die symmetrischen Verhältnisse auf die Tempel übertragen sind.

I. Die Anlage der Tempel beruht auf den symmetrischen Ver-hältnissen, deren Gesetze die Baukünstler auf's sorgfältigste innehabenmüssen. Diese aber entstehen aus dem Ebenmaße (Proportion),welches von den Griechen Analogia genannt wird. Proportion istdie Zusammenstimmung der entsprechenden Gliedertheile im gesamm-ten Werke und des Ganzen, woraus daS Gesetz der Symmetrie her-vorgeht. Denn es kann kein Tempel ohne Symmetrie und Propor-