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Des Vitruvius zehn Bücher über Architektur / übers. und durch Anmerkungen und Risse erläutert von Franz Reber
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zum Vorwürfe nahmen, wird von der gegenwärtigen verderbten Modeverschmäht. Denn auf den Wänden werden vielmehr abenteuerlicheMißgestalten, als wirkliche Nachbildungen von bestimmteren Dingengemalt: an die Stelle der Säulen z. B. werden Rohrstängel, an dieStelle der Giebel gestriemte und geschweifte Zierrathen mit krausenNlättern und spiralförmig verschlungenen Ranken gesetzt, Lampen-ständer (Candelader) stützen die Tempelchen, über den Giebeln sprossenaus dort wurzelnden Gewächsen mehrere zarte Stengel mit geringel-ten Ranken, auf welchen in sinnloser Weise Figuren sitzen, ja sogaraus den Blumen, welche aus den Stengeln treiben, kommen Halb-figuren, bald mit menschlichen, bald mit Thierköpsen zum Vorscheine.

4. Derlei aber gibt es weder, noch kann es geben, noch hat esgegeben. Dahin also hat es die neue Mode gebracht, daß man inFolge der trägen Lässigkeit schlechter Kunstrichter für die wahre Treff-lichkeit der Kunst keinen Sinn mehr hat. Denn wie kann ein Rohrin Wahrheit ein Dach tragen, oder ein Lampenständer den Giebel-schmuck, oder ein schwacher und weicher Stengel eine fitzende Figur,oder wie können aus Pflanzen und Stengeln Blumen mit Halbfigu-ren hervorsprossen? Aber obwohl die Menschen solche Lügen sehen,tadeln sie Dieselben nicht, sondern ergötzen sich daran, und machen sichnichts daraus, ob etwas davon möglich ist, oder nicht. Der durchkrankhafte Geschmacksrichtung getrübte Sinn aber ist nicht im Stande,das anzuerkennen, was Würde und Schicklichkeitsgefühl zulassen.Denn Gemälde, welche nicht naturgetreu sind, verdienen keine Aner-kennung; auch wenn sie in Rücksicht auf künstlerische Ausführungreizend sind, darf man deshalb noch nicht sofort ein anerkennendesUrtheil fällen, wenn sie nicht einen Vorwurf aus der Wirklichkeitohne Verstöße gegen dieselbe darstellen.

5. Als einmal zu Tralles Apaturius aus Alabanda in demkleinen Theater, welches bei ihnen Ekklefiasterion genannt wird, mitkunstfertiger Hand die Dekoration malte und an derselben Säulen,Statuen, gebälktragende Kentauren, Rundgebäude mit Kuppeldächern,eckig vorkragende Giebel, Gesimse mit Löwenköpsen geschmückt, wasAlles die Rücksicht auf die Ableitung des Regenwassers von den Dä-chern erheischt, herstellte, oberhalb diesem aber nichts desto wenigernoch ein oberes Bühnengeschoß malte, an welchem Rundgebäude,