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schen Architekten mit sich hin nahm. Dieser aber erbaute mit unge-heurem Aufwande, mit rastloser Thätigkeit und Mühe eine Eroberungs-maschine, deren Höhe hundertfünsundzwanzig und deren Breite sechzigFuß betrug '), und sicherte ihre Decke so mit Haarausstopsung undmit ungegerbten Häuten, daß sie ein von einer Balisie geschleudertesSteingeschoß von einem Gewichte von dreihundertsechzig Pfund aus-hielt; die Maschine selbst aber hatte ein Gewicht von dreimalhun-dertsechzigtausend Pfund. Als nun die Rhodier an Kallias das An-suchen stellten, gegen die Stadteroberungsmaschine eine Gegenmaschinezu consiruiren, und jene, wie er sich früher vermessen hatte, über dieMauer zu heben, mußte er gestehen, daß er es nicht könne. 5. Dennnicht Alles kann nach denselben Regeln bewerkstelligt werden: sondernes gibt Manches, was kleinen Modellen ähnlich ins Große übertra-gen seine Wirkung thut; anderes dagegen läßt keine Modellbildungzu, sondern wird ohne Modell für sich ausgeführt; einiges endlich,was im Modell wahrheitsgetreu zu sein scheint, hält, wenn man esin größere Verhältnisse zu übertragen beginnt, nicht Stand, wie wirdieß auch an folgendem Beispiele beobachten können. Man bohrtmit einem Bohrer ein halbzölliges, ein zölliges oder auch ein andert-halbzölliges Loch; wollten wir aber auf dieselbe Weise ein viertel-füßiges herstellen, so würde das nicht gelingen, an ein halbfüßigeSoder noch größeres aber scheint überhaupt nicht einmal gedacht wer-den zu können. 6. Nun sieht man aber bei einigen Modellen, daß,wie etwas bei solchen im kleinsten Maßstabe geschehe, Ließ auch ingleicher Weise bei größeren geschehe 2): und so fügten, von derselbenAnnahme getäuscht, die Rhodier dem Diognetos mit der Schmach auchUnrecht zu. Als sie aber den Feind in seiner drohenden Stellung behar-ren, und die Gefahr der Sklaverei, den Maschinenbau zur Einnahme derStadt fertig, und die Verwüstung der Stadt vor Augen sahen, dabaten sie den Diognetos demüthig flehend, er möchte die Vaterstadtretten. 7. Dieser wies es zuerst von der Hand, dieß thun zu wollen,nachdem jedoch edelgeborene Jungfrauen und Jünglinge gekommen
i) Mariui corrigirt die Zahlen nach den Parallelstellen bei Athenäus,Diodor und Plutarch in LXXXV und I.XXH.
Die Schneider'sche Correctur des Textes ist ganz mißverstanden.