Naturleben
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Und auf noch etwas: verhältnismäßig spät hat er an-gefangen sich zu entwickeln, und doch ist er hinausgewachsenüber alle seine Kameraden. Er hat den Schnelligkeitsrekordaufgestellt im Wachstum für alle Stengel der Wiesenpflanzen.
So lohnt es sich wohl, ihn etwas genauer zu untersuchen.
Wir konstatieren: der Grashalm ist hohl; von Zeit zuZeit hat er eine Verdickung, einen sogenannten Knoten, beidem er massiv ist; ein Stück weit ob jedem Knoten geht einBlatt seitlich ab; wenn man unterhalb eines Knotens denHalm festhält und dann oberhalb des Blattes zieht, so kannman aus einer dunkelgrünen, steifen Röhre einen innen gelb-grünen, weichen, saftigen Teil herausziehen.
Das sind uns ja alles bekannte, geläufige Sachen!
Aber jetzt kommt die Frage, die der Naturforscher stellt:Warum ist das so? Was haben diese Einrichtungen für eineBedeutung für die Pflanze?
Der Stengel ist hohl. Das ist etwas so Häufiges imPflanzenreich, daß wir es meist, ohne weiter zu denken, hin-nehmen; und doch hat auch das seinen guten Sinn.
Wenn ich dem Techniker den Auftrag gebe, er soll miraus einer bestimmten Menge Stahl eine Säule herstellen,die möglichst lang ist und möglichst viel tragen kann, wiemacht er sie? Er macht sie hohl; denn er weiß, daß die Trag-kraft einer Säule hauptsächlich von ihrem Durchmesser ab-hängt; daß vor allem die äußeren Partien tragen, die innerenziemlich unwesentlich sind. Daß dem so ist, kann heute derMathematiker und Mechaniker haarscharf beweisen.
Aber das alles hat die Pflanze, ohne Mechanik studiertzu haben, schon lange herausgebracht: sie baut ihre Halmenach den Prinzipien unserer modernen Technik; denn sie mußsparsam umgehen mit dem Baumaterial, das sie mühsamerarbeitet hat.
Eine zu lange, hohle Säule aber wäre auch nicht praktisch,weil sie eingedrückt werden könnte; so treffen wir denn auchvon Zeit zu Zeit eine massive Stelle, einen Knoten, — derTechniker würde sagen eine Versteifung.
Über dem Knoten erscheint der Halm doppelt. Ist dasnicht eine Verschwendung?
Wir müssen zunächst unsere Beobachtung etwas korri-gieren. Nicht der Halm ist doppelt; er ist von unten bis obeneine einfache Säule, über den Knoten jeweils weich, zart undsaftig, darunter hart und steif. Die äußere Hülle über dem