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Naturleben
132. Der Grashalm, ein Baukünstler.
Von Paul Vogler.
Es ist noch früh im Jahr; über Wiesen und Feld breitetsich ein frischer grüner Teppich aus. überall treibt und knosptdas neue Leben! Da ziehen wir hinaus und freuen uns ander wiedererwachenden Natur.
Nun steckt aber in jedem Menschen ein Stück von einemNaturforscher. Und die Naturforscher sind neugierige Leute;sie wollen alles zergliedern, in der Nähe besehen und unter-suchen.
Also schauen wir uns einmal dieses Grün etwas näheran: auf der Wiese allerlei Kräuter mit gar verschieden ge-stalteten Blättern und Blättchen; aber in der Mehrzahl sinddie Blätter doch lang und schmal mit parallel verlaufenden„Nerven". Wir kennen sie wohl; es sind Erasblätter.
Und auf dem Getreidefeld? Lauter Erasblätter.
Nun ja, das ist keine neue Entdeckung; das wissen wiralle schon aus der Schule, daß die Gräser der Wiese und dieEetreidearten in die gleiche „botanische Familie" gehören, dieeben ausgezeichnet ist durch diese langen, schmalen Blätter.Die Eetreidearten sind Kulturgräser, deren Früchte derMensch „veredelt" hat.
Einige Zeit später! Der Wiesenteppich ist durchzogen vonBlüten, weiß, gelb, rot und blau. Doch diese haben nichtsmit den Gräsern zu tun; sie gehören zu den Kräutern, zuWiesenkerbel, Hahnenfuß, Klee, Glockenblume usw. Die Gräserbesitzen keine leuchtenden Blumen.
Doch auch mit ihnen ist eine Veränderung vor sich ge-gangen; mitten aus dem Blätterbüschel hat sich stolz und steifein hoher Stengel erhoben. Kühn trägt er seine unschein-baren Blüten hinauf in die Höhe, hinauf, höher selbst als diemächtigen Stauden des Wiesenkerbels.
Welch ganz andern Anblick gewährt jetzt das Getreide-feld! Es ist nicht mehr der grüne Teppich von vorher; es istein Wald im Winde wogender mannshoher Halme, die weithinausragen über die leuchtenden Kornblumen und denMohn und all das andere „Unkraut", das trotz aller Vorsichtaufgegangen ist.
In der Tat, er ist ein stolzer Geselle, der Eetreidehalm,der Grashalm! Wenn er auch keinen bunten Wipfel trägt, --auf seine Größe darf er sich etwas einbilden.