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Muttersprache
mit welcher Ausdauer! Was irgend im Leben von typischenGestalten und Berufstätigkeiten in unsern Gesichtskreis trat,das mutzte dramatisiert werden. Wir spielten Pfarrer, Dok-tor, Lehrer, Krämer, Handwerker, Dienstmann, Kutscher, Ka-pitän, Hotelier, Zirkusdirektor, Taschenspieler, Tierbändiger,Seiltänzer,- wir hielten, wie die Kinder auf den StraßenJerusalems, Hochzeiten und Begräbnisse ab, auch ganze Cha-raden wurden aufgeführt. Und wo es an Kostümen fehlte,mutzte eben die Sprache einziges Kostüm sein; und in derNachahmung verschiedener Sprecharten, je nach Alter, Stand,Beruf, Mundart usw. entwickelten wir eine wahre Kunst-fertigkeit. Die Sprache öffnete unserer Phantasie ein un-absehbareres Kunstgebiet als unser wirklicher Erfahrungskreis.Denn zu dem, was wir selber erlebt hatten, kam noch allerleiPhantasiestoff auß gehörten und gelesenen Geschichten unddamit eine gewisse Übung in höheren Stilarten. Wir fingenan, geschwollen poetisch zu reden, stellenweise sogar rhythmisch,alles natürlich ohne eine Ahnung davon, daß wir damitunsre sprachliche Entwicklung in einem Matze förderten, wieder schulmätzige Unterricht es nicht von ferne vermochte.
In der Schule bekam ich erst in meinem zehnten oder elftenJahre ein wirkliches, natürliches und wohlklingendes Deutschzu hören. Es war ein junger Lehrer aus dem sächsischenVogtlande, der als Freiwilliger in einem Jägerbataillon dendeutsch-französischen Krieg mitgemacht hatte und sein Deutsch-tum namentlich in der Pflege einer reinen Sprache, übrigensauch in der Auswahl eines guten Schullesestoffes bewährte.Wir hörten ihm gerne zu, wenn er uns Gedichte vorlas, dennsein Vorlesen war zugleich eine Auslegung der Gedichte, undes dämmerte uns dabei die Erkenntnis, daß es sich hier umeine Kunst handle, und zwar eine bis in alle Feinheiten desStimmtones ernst zu nehmende Kunst. Wir gaben uns redlichMühe, es ihm gleichzutun — allein es fehlte fast allgemeinon einer natürlichen Beherrschung der Sprache. Ein auchnur leidlich zusammenhängendes Sprechen ging — in derSchule wenigstens — über unsere Kraft.
Das lernten wir eigentlich erst in einem Eymnasial-verein, wo wir über die größten Fragen zwischen Himmelund Erde Vortrüge hielten und in freiem Redegefecht unsern„Standpunkt" vertraten. Seither habe ich die Beobachtungoft genug gemacht, daß die Beredsamkeit bei vielen Menschenerst im Kampf der Meinungen erwacht.