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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Die Geschichte vom Kalif Storch.

Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er untenim Thale eine Ruine erblickte, die ein Obdach zu gewähren schien, soflogen sie dahin. Der Ort, wo sie sich sür diese Nacht niedergelassenhatten, schien ehemals ein Schloß gewesen zu sein. Schöne Säulenragten aus den Trümmern hervor, mehrere Gemächer, die noch ziemlicherhalten waren, zeugten von der ehemaligen Pracht des Hauses. Chasidund sein Begleiter gingen durch die Gänge umher, um sich eintrockenes Plätzchen zu suchen; plötzlich blieb der Storch Mansorstehen.Herr und Gebieter", flüsterte er leise,wenn es nur nichtthöricht sür einen Großvezier, noch mehr aber für einen Storchwäre, sich vor Gespenstern zu fürchten! Mir ist ganz unheimlichzu Mut, denn hier neben hat es ganz vernehmlich geseufzt und ge-stöhnt." Der Kalis blieb nun auch stehen, und hörte ganz deutlichein leises Weinen, das eher einem Menschen, als einem Tiere an-zugehören schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zugehen,woher die Klagetöne kamen; der Vezier aber packte ihn mit demSchnabel am Flügel und bat ihn flehentlich, sie nicht in neue,unbekannte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, demauch unter dem Storchenflügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mitVerlust einiger Federn los und eilte in einen finstern Gang. Bald warer an einer Thüre angelangt, die nur angelehnt schien und woraus erdeutliche Seufzer mit ein wenig Geheul vernahm. Er stieß mit demSchnabel die Thüre auf, blieb aber überrascht auf der Schwelle stehen.In dem verfallenen Gemach, das nur durch ein kleines Gitterfensterspärlich erleuchtet war, sah er eine große Nachteule am Boden sitzen.Dicke Thränen rollten ihr aus den großen runden Augen, und mitheiserer Stimme stieß sie ihre Klagen aus dem krummen Schnabelheraus. Als sie aber den Kalifen und seinen Vezier, der indes auchHerbeigeschlichen war, erblickte, erhob sie ein lautes Freudengeschrei.Zierlich wischte sie mit dem braungefleckten Flügel die Thränen ausdem Auge, und zu dem größten Erstaunen der beiden rief sie ingutem menschlichem Arabisch:Willkommen, ihr Störche, ihr seidmir ein gutes Zeichen meiner Errettung, denn durch Störche werdemir ein großes Glück kommen, ist mir einst prophezeit worden!"

Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hatte, bückteer sich mit seinem langen Hals, brachte seine dünnen Füße in einezierliche Stellung und sprach:Nachteule! deinen Worten nach darfich glauben, eine Leidensgefährtin in dir zu sehen. Aber ach! deineHoffnung, daß durch uns deine Rettung kommen werde, ist vergeblich.Du wirst unsere Hilflosigkeit selbst erkennen, wenn du unsere Ge-schichte hörst." Die Nachteule bat ihn zu erzählen; der Kalif aberhub an und erzählte, was wir bereits wissen.