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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Parabeln.

Eben berührte der schwatzende Tag den Saum ihres Gewandes,und schweigend und matt sank er selbst in ihren umhüllenden Schoß.Sie aber saß in ihrem Sternenmantel, in ihrer Sternenkrone, mitewig ruhigem Antlitz.

V.

Der sterbende Schwan.

Johann Gottfried Herder.

Muß ich allein denn stumm und gesanglos sein?" sprachseufzend der stille Schwan zu sich selbst und badete sich im Glanzder schönsten Abendröte,beinahe ich allein im ganzen Reich dergefiederten Scharen? Zwar der schnatternden Gans und der glucken-den Henne und dem krächzenden Pfau beneide ich ihre Stimmennicht; aber dir, o sanfte Philomele, beneide ich sie, wenn ich, wiefestgehalten durch dieselbe, langsamer meine Wellen ziehe und mich imAbglanz des Himmels trunken verweile. Wie wollte ich dich singen,goldne Abendsonne! Dein schönes Licht und meine Seligkeit singen,mich in den Spiegel deines Rosenantlitzes niedertauchen und sterben!"

Still entzückt tauchte der Schwan nieder, und kaum hob er sichaus den Wellen wieder empor, als eine leuchtende Gestalt, die amUfer stand, ihn zu sich lockte. Es war der Gott der Abend- undMorgensonne, der schöne Phöbus.Holdes, liebliches Wesen"! spracher,die Bitte ist dir gewährt, die du so oft in deiner verschwiegenenBrust nährtest und die dir nicht eher gewährt werden konnte."Kaum hatte er das Wort gesagt, so berührte er den Schwan mitseiner Leier und stimmte auf ihr den Ton der Unsterblichen an.Entzückend durchdrang der Ton den Vogel Apollos; aufgelöset undergossen sang er in die Saiten des Gottes der Schönheit; dankbarfroh besang er die schöne Sonne, den glänzenden See und seinunschuldiges, seliges Leben. Sanft, wie seine Gestalt, war das har-monische Lied; lange Wellen zog er daher in süßen, entschlummern-den Tönen, bis er sich in Elysium wiederfand, am Fuße desApollo, in seiner wahren himmlischen Schönheit. Der Gesang, derihm im Leben versagt war, war sein Schwanengesang geworden,der sanft seine Glieder auflösen mußte; denn er hatte den Ton derUnsterblichen gehört und das Antlitz eines Gottes gesehen. Dank-bar schmiegte er sich an den Fuß Apollos und horchte seinen gött-lichen Tönen, als eben auch sein treues Weib ankam, die sich insüßem Gesänge ihm nach zu Tode geklaget. Die Göttin der Un-schuld nahm beide zu ihren Lieblingen an, das schöne Gespann ihresMuschelwagens, wenn sie im See der Jugend badet.