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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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49
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Parabeln. Die ewige Bürde.

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Gedulde dich, stilles, hoffendes Herz! Was dir im Leben ver-sagt ist. weil du es nicht ertragen könntest, gibt dir der Augenblickdeines Todes.

IV. Die ewige Bürde.

Aus denPalmblättern" von I. G. Herder und A. I. Liebeskind.

Der Kalif Hakkam, der die Pracht liebte, wollte die Gärtenseines Palastes verschönern und erweitern. Er kaufte alle benach-barten Ländereien und bezahlte den Eigentümern fo viel dafür, alssie verlangten. Nur eine arme Witwe fand sich, die das Erbteilihrer Vater aus frommer Gewissenhaftigkeit nicht veräußern wollteund alle Anerbietungen, die man ihr deswegen machte, ausschlug.Den Aufseher der königlichen Gebäude verdroß der Eigensinn dieserFrau; er nahm ihr das kleine Land mit Gewalt weg, und die armeWitwe kam weinend zum Richter-

Ihn Beschir war eben Kadi der Stadt. Er ließ sich den Fallvortragen und fand ihn bedenklich; denn obschon die Gesetze derWitwe ausdrücklich Recht gaben, so war es doch nicht leicht, einenFürsten, der gewohnt war, seinen Willen für die vollkommene Ge-rechtigkeit zu halten, zur freiwilligen Erfüllung eines veraltetenGesetzes zu bewegen. Was that also der gerechte Kadi? Er satteltefeinen Esel, hing ihm einen großen Sack über den Hals und rittunverzüglich nach den Gärten des Palastes, wo der Kalif sich ebenin dem schönen Gebäude befand, das er auf dem Erbteil der Witweerbauet hatte.

Die Ankunft des Kadi mit seinem Esel und Sacke setzte ihnin Verwunderung, und noch mehr erstaunte er, als Jbn Beschirsich ihm zu Füßen warf und also sagte:Erlaube mir, Herr, daßich diesen Sack mit Erde von diesem Boden fülle!" Hakkam gabes zu. Als der Sack voll war, bat Jbn Beschir den Kalifen, ihmden Sack auf den Esel heben zu helfen. Hakkam fand dieses Ver-langen noch sonderbarer, als das vorige; um aber zu sehen, wasder Mann wolle, griff er mit an- Allein der Sack war nicht zubewegen, und der Kalif sprach:Die Bürde ist zu schwer, Kadi,sie ist zu gewichtig."

Herr", antwortete Jbn Beschir mit edler Dreistigkeit,dufindest diese Bürde zu schwer, und sie enthält doch nur einen kleinenTeil der Erde, die du ungerechter Weise einer armen Witwe ge-nommen hast. Wie willst du denn das ganze geraubte Land tragenkönnen, wenn es der Richter der Welt am großen Gerichtstage aufdeine Schultern legen wird?"

Bächtold, Lesebuch I. t