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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Ums Vaterwort. Reise über die Furka.

Sollte er schon nicht mit mir heiter sein, so wie es andere Leutewaren, und wie er es damals, von Sorgen belastet, so selten ge-Wesen, so wollte ich wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbesWort hören; es durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog michzu ihm hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort.

Kein böser Ruf mehr ist in die heilige Christnacht geklungen,und von diesem Tage an ist vieles anders geworden. Mein Vaterwar seiner Liebe zu mir und meiner Anhänglichkeit an ihn innegeworden und hat mir in Spiel, Arbeit und Erholung wohl vieleStunden sein liebes Angesicht, sein treues Wort geschenkt, ohne daßich noch einmal nötig gehabt hätte, es mit Bosheit erschleichen zumüssen.

33. Reise über die Furka.

Johann Wolfgang Goethe.

Realp, den 12. November 1779, abends.

Mit einbrechender Nacht sind wir hier angekommen. Es istüberstanden und der Knoten, der uns den Weg verstrickte, entzweigeschnitten. Eh' ich Ihnen sage, wo wir eingekehrt sind, eh' ichIhnen das Wesen unserer Gastfreunde beschreibe, lassen Sie michmit Vergnügen den Weg in Gedanken zurück machen, den wir mitSorgen vor uns liegen sahen, und den wir glücklich, doch nichtohne Beschwerde, zurückgelegt haben. Um sieben gingen wir vonMünster weg und sahen das beschneite Amphitheater der hohenGebirge vor uns zugeschlossen, hielten den Berg, der hinten quervorsteht, für die Furka; allein wir irrten uns, wie wir nachmalserfuhren; sie war durch Berge, die uns links lagen, und durch hoheWolken bedeckt. Der Morgenwind blies stark und schlug sich miteinigen Schneewolken herum und jagte abwechselnd leichte Gestöberan den Bergen und durch das Thal. Desto stärker trieben aberdie Windweben an dem Boden hin und machten uns etlichemal denWeg verfehlen, ob wir gleich, auf beiden Seiten von Bergen ein-geschlossen, Oberwald am Ende doch finden mußten. Nach nennetrafen wir daselbst an und sprachen in einem Wirtshaus ein, wosich die Leute nicht wenig wunderten, solche Gestalten in dieser Jahres-zeit erscheinen zu sehen. Wir fragten, ob der Weg über die Furkanoch gangbar wäre. Sie antworteten, daß ihre Leute den größtenTeil des Winters drüber giengen; ob wir aber hinüberkommenwürden, das wüßten sie nicht. Wir schickten sogleich nach solchenFührern; es kam ein untersetzter starker Mann, dessen Gestalt eingutes Zutrauen gab, dem wir unsern Antrag thaten: Wenn er den