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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
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nalen Vorurteils, um I. V. Widmann, Arnold Ott, Karl Spit-teler, I. C. Heer den heute geschätztesten Schriftstellern des Reichs-landes an die Seite zu stellen. Unter den Beiträgen aus schweizerischerFeder finden sich auch zwei für unser Lesebuch besonders geeigneteOriginalaufsätze von Emauuel Friedli und Andreas Fischer, sowieeinige Reiseskizzen von Jakob Bächtold, die an dieser Stelle den Sinneines bescheidenen Ehrendenkmals haben sollen.

Auch den Bestand der älteren Literatur hat der Herausgeber inetwas zu erneuern gesucht, um diesem oder jenem Freund der Ab-wechslung und solche gibt es unter uns Lehrern einen Dienstzu erweisen. Neu aufgenommen zu diesem Zwecke sind die Prosa-stücke von Martin Luther, Maler Müller, Georg Förster,von Frau Rat Goethe, von Sealsfield und von Alfred Hart-mann, ferner die Gedichte von Matthias Claudius, WilhelmHauff und Joh. Martin Usteri.

Im ganzen tritt in dieser neuen Auflage die reine Lyrik etwasstärker hervor als bisher. Damit wird dem Deutschlehrer eine Auf-gabe nahegelegt, die freilich nicht leicht, aber überaus lohnend ist.Schon Jakob Bächtold hat in einer Vorrede zu seinem Lesebuch da-rüber geklagt, daß das Fach des Deutschen an unsern Mittelschulenimmer noch der alte enzyklopädische Tummelplatz sei für Geschichte,antike Mythologie, Geographie, Naturgeschichte, Technik u. s. w. u. s. w. und für praktische Moral, hätte er beifügen können. Wenn nundamit ausgeräumt werden soll, wenn auch in der Schule die Poesieihr eigenes Recht bekommen und aus dem niedrigen Stand einesarmenMädchens für alles" emporgehoben werden soll, so könnengerade die rein lyrischen Gedichte, die ganz und gar nicht lehrreichenLieder und Stimmungsbilder auf den rechten Weg helfen. Hier bietetsich die in unsrer so einseitig auf Verstandesbildung eingerichtetenSchule so seltene Gelegenheit, der Jugend eine Ahnung zu geben vonder Selbstherrlichkeit des Schönen. Mit hungrigen Herzen wartensie ja darauf, und wenn nur der Lehrer selber mit aller Kraft derAnschauung und des Gefühls in der kleinen Welt lebt, die ein ein-ziges schlichtes Lied in sich birgt, so kann er sicher sein, daß ihm diejungen Herzen folgen wie jenem unsichtbaren Flöter in KopischsGedicht; freilich

Er leidet niemals einen Zwang,

In der Stube wird ihm die Zeit zu lang!