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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Aber was schadet ein bißchen Ungeduld und Sehnen! Wenn nur denKnaben und Mädchen das Wort des Dichters so lebendig gemachtwird, daß sie's aus der Schule mithinausnehmen ins Leben, daßsie die liebe Natur draußen, Heimatland und Heimatleben, Menschen-art und Menschenschicksal mit dem offenen Auge, dem reinen, un-beirrbaren Gefühl des Dichters betrachten und erfassen lernen.Dusollst nicht töten, sondern lebendig machen!" Dieses schöne Wort,das der Oberregierungsrat Or. Waetzoldt am letztjährigen Kunst-erziehungstag an die Lehrerschaft richtete, bleibt das erste und zehnteGebot für jeden Lehrer, der die Jugend in die Welt des Dichterseinzuführen die Ehre hat.

In der Anordnung der Lesestücke ist auf eine reinliche Scheidungin Lyrisches, Episches und Dramatisches verzichtet worden. Sollte esjemand im Ernste bedauern, daßDas Glöcklein" von K. F. Meyernicht mehr ausdrücklich als episch, die Epigramme von Schiller nichtmehr als lyrisch, derWandrer" von Goethe nicht mehr als dra-matisch bezeichnet wird? Und wenn derWandrer" dramatisch ist,warum nicht auchHektors Abschied?" Und wennDie Wiese" vonHebel episch sein soll, warum soll dieGlocke" lyrisch sein? Und wo-hin, beiläufig bemerkt, gehört SchillersPegasus im Joche?" wo-hin daseleusische Fest?" Was kümmern sich die Poeten um unsrekritischen Grenzpfähle!

Noch eine Bemerkung über die im Anhang beigefügten Wort-erklärungen. Sie sollen keine Sammlung von Fremdwörtern sein;nur ausnahmsweise sind Ausdrücke aus fremden Sprachen erklärt,wenn anzunehmen war, daß die landläufigen Nachschlagebücher sieungenügend oder gar nicht erklären. In der Regel sind vielmehrgerade deutsche Wörter ausgewählt worden, vor allem mundartliche,sodann veraltete oder in ungewöhnlicher Bedeutung und Beziehungverwendete; darunter gewiß manche, über die sich der Lehrer in denmeisten deutschen Wörterbüchern, die ihm zur Verfügung stehen, ver-geblich Rat sucht. Daß diese Erklärungen dem Lehrer die Benutzungetymologischer, synonymischer und realenzyklopädischer Wörterbüchernicht ersparen, soll ausdrücklich bemerkt sein. Für die Worterklärungenzu Hebels Gedichten bin ich besonders der kommentierten Ausgabe vonErnst Götzinger (Aarau, 1873) verpflichtet.

Im übrigen habe ich einige Werke benutzt, die ich denjenigenKollegen, die sie vielleicht nicht besitzen, angelegentlich empfehlen darf,auch mit Rücksicht auf den billigen Preis: