Der Prozeß um des Esels Schatten.
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etwas frische Luft schöpfen könnte. Aber da war weit und breit wederBaum noch Staude, noch irgend ein andrer schattengebender Gegen-stand zu sehen. Endlich, als er seinem Leibe keinen Rat wußte,machte er Halt, stieg ab und setzte sich in den Schatten des Esels. —„Nu, Herr, was macht Ihr da," sagte der Eseltreiber, „was solldas?" — „Ich setze mich ein wenig in den Schatten," versetzteStruthion, „denn die Sonne prallt mir ganz unleidlich aus denSchädel." — „Nä, mein guter Herr, erwiderte der andere, „sohaben wir nicht gehandelt! Ich vermietete Euch den Esel, aber desSchattens wurde mit keinem Worte dabei gedacht." — „Ihr spaßt,guter Freund," sagte der Zahnarzt lachend, „der Schatten geht mitdem Esel, das versteht sich." — „Ei, beim Jason! das versteht sichnicht," rief der Eselmann ganz trotzig; „ein andres ist der Esel, einandres ist des Esels Schatten. Ihr habt mir den Esel um so undso viel abgemietet. Hättet Ihr den Schatten auch dazu mieten wollen,so hättet Ihr's sagen müssen. Mit einem Wort, Herr, steht auf undsetzt Eure Reise fort, oder bezahlt mir für des Esels Schatten, wasbillig ist." — „Was?" schrie der Zahnarzt, „ich habe für den Eselbezahlt und soll jetzt auch noch für seinen Schatten bezahlen? Nenntmich selbst einen dreifachen Esel, wenn ich das tue! Der Esel isteinmal für diesen ganzen Tag mein, und ich will mich in seinenSchatten setzen, so oft mir's beliebt, und darin sitzen bleiben, solange mir's beliebt, daraus könnt Ihr Euch verlassen!" — „Ist dasim Ernste Eure Meinung?" fragte der andere mit der ganzen Kalt-blütigkeit eines abderitischen Eseltreibers. — „In ganzem Ernste",versetzte Struthion. „So komme der Herr nur gleich stehenden Fußeswieder zurück nach Abdera vor die Obrigkeit," sagte jener, „da
wollen wir sehen, wer von uns beiden recht behalten wird. So
wahr Priapus mir und meinem Esel gnädig sei, ich will sehen, wermir den Schatten meines Esels wider meinen Willen abtrotzen soll!"
Der Zahnarzt hatte große Lust, den Eseltreiber durch die Stärkeseines Annes zur Gebühr zu weisen. Schon ballte er seine Faustzusammen, schon hob sich sein kurzer Arm; aber als er seinen Manngenauer ins Auge faßte, fand er für besser, den erhobenen Arm all-mählich wieder sinken zu lassen und es noch einmal mit gelindemVorstellungen zu versuchen. Aber er verlor seinen Atem dabei. Derungeschlachte Mensch bestand darauf, daß er für den Schatten seinesEsels bezahlt sein wollte; und da Struthion ebenso hartnäckig dabei
blieb, nicht bezahlen zu wollen, so war kein andrer Weg übrig, als
nach Abdera zurückzukehren und die Sache bei dem Stadtrichter an-hängig zu machen.
Der Stadtrichter Philippides, vor welchen alle Händel dieser