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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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95
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Zu Straßburg auf der Schanz . . .

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Der Fölzl hatte ein fast schönes, jugendliches Antlitz, nur eingefallen;die Wangen waren beim Scheuern mit Schnee rosig geworden. Dierunden Augen aber blieben in ihrer Schwermut.

Dann sind sie hinabgegangen stundenweit ins Tal. Der Fölzlfür sich allein, der hielt sich stets an die Wälder, und als er Ober-klausen vor sich liegen sah, wartete er die Abenddämmerung ab, eheer hinschlich zur Kirchhofsmauer.

Unterwegs hatte er die Gegend angesehen, daraufhin, ob es sichdenn verlohne, so sehr Heimweh zu haben nach ihr. Draußen in derfremden Welt alleweil weh . . . alleweil weh nach daheim. Und istman da, so ist's auch nichts. Keine Verwandten, keine Freunde mehr,nur das enge Tal und die hohen Berge, die nichts haben für unser-einen als die größte Entbehrung. Baum und Stein, alles so fühl-los, mitleidslos, nicht anders wie draußen in der weiten Welt. Unddoch anders! Was ist es denn? Du heiliger Gott, was ist es denn,

daß ich euch so lieben muß, ihr finsteren, ihr harten wilden Berge!

Daß ich sterben muß, wenn ich euch nicht sehe! Und sehe ich euch,

so seid ihr nichts als wüste Massen und habt weiter keinen Sinn.

Und muß euch doch lieben, mehr als je einen Menschen, und mußeuretwegen Ehr und Leben verscherzen! . . .

So sind es seelenversengende Gedanken gewesen, die den armenBurschen gepeinigt haben, auf diesem Wege zur Christmette.

Aber die Kirche, in der er als Knabe an seiner Eltern Seiteso oft gesessen! Die mitternächtige Weihnachtsfeier, die er in seligemGlauben an den eingebornen Gottessohn einst mitgenossen! Ersehnt sich, diese Kirche wiederzusehen. Das Marienbild über demAltare hatte immer Aehnlichkeit mit den Zügen seiner Mutter gehabt...

Er möchte doch wieder einmal in Gemeinschaft gläubiger Menschensein. Es ist so kalt, so öde ausgestoßen zu sein. Ist es dennwirklich ein Verbrechen! Alles von sich zu schieben, nichts zu tun undnichts zu verlangen von Kaiser und Reich, als ein armes, kummer-volles Leben im Gebirge! Und deswegen verfolgt, geächtet!

Im blätterlosen Gestrüpp an der Mauer kauerte er. Das warnicht weit von der Stelle, wo seine Eltern ruhten. Die Füße gruber tief in den Schnee, daß sie nicht erfrieren konnten. Fried-sam war die Nacht. Die Sterne waren wie silberner Sand an denHimmel hingestreut. An den Berghängen die Lichter der Häuser, indenen heute niemand schlief, und solche Lichter auch glitten talwärtsund wieder bergwürts, der Kirche zu, die über dem Dorfe auf demHügel stand. Nahe an ihm gingen sie vorüber, und die hohenschmalen Kirchenfenster bekamen allmählich den rosigen Schein, dersich zu einer lichten Glut steigerte, weil drinnen schon die Hunderte