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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
96
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gg Zu Slraßburg auf der Schanz. , .

von Kerzen brannten, Leise und in hoher Feier begann das Tönender Orgel.

Dem armen Flüchtling wurde warm in der Brust. Fast fühlteer es wie eine Sättigung in der Heimatsuche. Es war nicht so, wieoben in der verlassenen Hütte. Hier schien es sich wirklich zu lohnen,daß er da war. Nur hätte er sich nicht fragen dürfen, warum?Denn eigentlich zitterte er vor Frost. Denn eigentlich war er nichtsals ein Wicht, der kein Anrecht hat an Heimat und Gemeinde. Unddoch will er jetzt hineingehen, ganz hinten im dunklen Turmgewölbe.

Da drinnen, wo der Vater einst georgelt, die Mutter gesungenhat, ist er so recht ganz daheim . . .

Jetzt siffelt etwas über den Schneeboden heran, an der Mauerhin und zischelte beständig:Fölzl Bruder!" Das war der Rückli.Der Flüchtling hüstelte.

Ah, da bist ja", sagte der Rote,aber daß du dir nichts ein-bildest! Es ist schon wieder Nachfrage nach dir. In aller Wahrheit,die Einhörner sind unten im Wirtshaus. Nur zwei. Mich haben siewollen beehren, weil ihnen der Rock bekannt vorkam. Nur hat ihnender alte Lump nicht gefallen, der drin steckt. Dich wollen sie habenund meinen, herfürgegangen könntest du sein, auf die Weihnachten.Solche Nasen! Sie kommen zur Kirche her, das hab' ich dir steckenwollen. Guten Abend!"

In die Kirche also nicht, das wäre heute ein zu gefährlicherOrt. Da trachtete der Flüchtling nach einem besseren Versteck.In einem Winkel des Kirchhofes war das Beinhans. Es war halbverschüttet, verschneit und mit Struppwerk umgeben. Zwischen demWust guckte das schwarze Loch einer Wölbung hervor. Da hineinkroch der Fölzl; aber es war ein ungutes Kauern auf den hartenKnochen und Totenschädeln und es fiel ihm noch ein, wenn die Häscherkämen, mit diesen Sachen könnte er sie bombardieren.

Nein. Auf Totenschädeln kann sich der Mensch doch wohl imFrieden niederlassen. Das ist auch ein Daheim, ein sicheres. Undvon solcher Schädelstätte aus sah er durchs Kirchenfenster gerade dievergoldete Statue des heiligen Apostels Paulus, die er als Knabe sooft betrachtet und von der ihm sein Vater, der Schullehrer, gesagthatte, es wäre das Bild des großen Weltapostels. Der hatte dasSchwert und stützte sich darauf. Als ob das Christentum mit demSchwerte ausgebreitet werden müßte. Das ist ja nicht, das darf janicht sein! Vielmehr ist es, daß die Apostel des Heiles durch dasSchwert umkommen. Wunderliche Welt!

Aus solchem Brüten weckte ihn der Festgesang:Stil-le Nacht! Hei-li-ge Nacht!" . . . Mit zarter Violinbegleitung sang es aus