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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Dietrich von Berne.

so trifft die Schuld hieran sie selbst, nicht den König, und wenn sieaus Furcht vor dem König gegen ihre Ueberzeugung ihre unschuldigenGesinnungsgenossen zum Henkertod verurteilten, so wirft dies ein destoschlechteres Licht auf das Römertum jener Zeit, welches nicht einmalmehr den Mut der Partei hatte. Hätte übrigens der undankbareBoöthius nichts getan, als die maßlosen und augenscheinlich grund-losen Schmähungen des großen Königs geschrieben desselben Königs,zu dessen Verherrlichung er eine prunkende Lobrede gehalten hatdie in seiner Trostschrift über Philosophie stehen, so würde er darumallein in jedem monarchischen Staate wegen Majestätsbeleidigung ver-urteilt worden sein.

Die Hinrichtung dieser Männer steigerte noch die Wut der Ita-liener, und Theodorich mußte eine allgemeine Entwaffnung anordnen.Der Gram und Zorn über das Scheitern seiner edeln Hoffnung, dieRomanen durch Milde zu gewinnen, die Erkenntnis, daß er so vieleJahrzehnte vergeblich wie ein Vater diese Welschen geliebt habedie Römer behaupten, Gewissensbisse über das unschuldig vergosseneBlut jener beiden Märtyrer brachen vielleicht das Herz des großenHerrschers, welcher am Ende seiner Tage einsehen mußte, daß er dasWerk seines Lebens auf den Wahn gebaut habe, er werde den natio-nalen Widerwillen der Italiener gegen germanische Herrschaft durchein musterhaftes Regiment überwinden können.

Von allen Seiten, von Byzanz, von den Franken und von dernationalen Antipathie seiner eigenen Untertanen sah der sterbende Heldsein junges Reich aufs schwerste bedroht; der Haß der Italiener ließden edeln Schatten selbst im Tode nicht ruhen; sie dichteten ihm dasVorhaben an, alle katholischen Kirchen zu sperren oder dem Arianis-mus zu vindizieren; nur der Tod, der ihn an dem zur Ausführungbestimmten Tage ereilt, habe den Frevel verhindert; aber zur Strafefür den bloßen Gedanken sei seine Seele in einen Feuerpfuhl auf denliparischen Inseln geschleudert worden, wo sie bis an den jüngstenTag unsägliche Schmerzen zu leiden hat.

Dies ist offenbar nicht echte Volkssage, sondern eine von denFeinden des Königs ausgeheckte, gehässige Klosterlegende; wie ver-schieden davon ist der Waldfrische Hauch erster Sage, wie sie aus demHerzen des Volkes erblüht!

Wenn sie auch die Tatsachen phantastisch verändert und verfärbt der Charakter tiefer Wahrheit bleibt ihr eigen, jener Wahrheit,welche aller Poesie zu Grunde liegt.

Von den zahlreich sagenhaft überlieferten Zügen von dem Wesenund Charakter Theodorichs heben wir hier nur einen hervor.

Wir haben gesehen, wie derselbe aus naheliegenden Gründen,