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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
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Znnngli.

Sinn der Schrift seinen Zuhörern näher zu bringen. Mit Erlaubnisdes Stifts erklärte er nicht mehr die Perikopen allein, sondern dieganzen Bücher der Schrift, wie er sie studiert hatte; denn den Zu-sammenhang des göttlichen Gedankens suchte er zu ergreifen undmitzuteilen. Seine Lehre war, daß die Religion in Gottesfurcht,Gottesliebe und Unschuld bestehe. Er vermied alles, was fremdartigoder allzu gelehrt lautete; es gelang ihm, die allgemeine Verständlich-keit zu erreichen, nach der er strebte, und in einem weiten Kreise vonZuhörern eine Ueberzeugung hervorzubringen, die dann in den Tagendes Sturmes aushielt und ihm zu allen seinen Unternehmungen einefeste Grundlage gab.

In seinem täglichen Leben zeigte er sich bequem und heiter. Inden republikanischen Gemeinden, dem Feldlager, jenem Zusammen-fluß mannigfaltiger Fremden bei Einsiedeln, hatte er mit Menschenumgehen, sie behandeln gelernt. Von Jugendfehlern, zuweilen wider-wärtiger Art, ist er nicht frei gewesen; aber sein Briefwechsel zeigt,mit welchem Ernst er sich darüber anklagt und an sich arbeitet; nacheiniger Zeit finden wir ihn ohne Tadel leben. Aufwallungen desZorns, wie andere Wallungen der Leidenschaft war er bemüht zu be-herrschen ; aufsteigende Grillen verscheuchte er durch Musik, denn aucher war ein großer Musikfreund und aus gar manchem InstrumenteMeister; in Toggenburg ist das so gewöhnlich wie in Thüringen.Am liebsten lebte er häuslich eingezogen, auf die Weise seines Vater-landes, etwa von Milchspeisen, wie dort herkömmlich; doch schlug erdarum nie eine Einladung aus; er ging auf die Zünfte mit denBürgern, man sah ihn auf den Gastereien der Bauern, die er mitmunterem Geist und vergnügtem Gespräch erheiterte. So arbeitsamer war, so viel er auch unternahm und zustande brachte, so wies erdoch niemand von sich, er wüßte einem jeden etwas Zufriedenstellendeszu sagen. Ein Wohlgestalter, kerngesunder Mann, wohltätig und gut-mütig, heiter, umgänglich, lebensfroh und dabei von den großartigstenGedanken erfüllt, ein echter Republikaner.

Wollen wir ihn mit Luther vergleichen, so hatte er nicht so ge-waltige Stürme zu bestehen, wie sie in Luther die geheimsten Tiefendes innern Seelenlebens erschütterten. Da er sich nie so unbedingtdem bestehenden Kirchenwesen hingegeben, so hatte er sich auch jetztnicht mit so gewaltsamer und schmerzlicher Anstrengung loszureißen.Was ihn zum Reformator machte, war nicht jenes tiefere Verständnisder Idee des Glaubens und ihres Verhältnisses zur Erlösung, vonwelchem Luther ausgegangen, sondern vor allem, daß er bei seinemwahrheitsuchenden Studium der Schrift Kirche und Leben mit demallgemeinen Inhalt derselben in Widerspruch begriffen sah. Auch war