Buch 
Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / von Jakob Baechtold
Entstehung
Seite
207
JPEG-Download
 

Zwingli.

207

Zwingli kein Universitätsgelehrter; die herrschenden Lehrmeinungenhatte er niemals ernstlich geteilt; eine hohe Schule umzubilden, fest-haltend an allem, was sich erhalten ließ, und abweichend nur in denwesentlichsten Punkten, war nicht sein Beruf. Die Aufgabe seinesLebens sah er vielmehr nur darin, die Republik, die ihn aufgenommen,religiös und sittlich umzubilden, die Eidgenossenschaft zu ihren ur-sprünglichen Grundsätzen zurückzuführen. Wenn Luther vor allemeine Verbesserung der Lehre beabsichtigte, welcher Leben und Sittedann von selbst nachfolgen müsse, so nahm Zwingli einen unmittel-baren Anlauf aus die Verbesserung des Lebens; er faßte vornehmlichdie praktische Bedeutung des allgemeinen Inhalts der Schrift insAuge; seine ursprünglichen Gesichtspunkte waren moralisch-politischerNatur; es ist kein Zweifel, daß auch sein religiöses Bestreben hie-durch eine eigentümliche Färbung empfing.

Mit der Kirche zugleich sein Vaterland von den verderblichstenMißbräuchen zu reinigen, das hatte er sich zur Aufgabe gemacht. Erhätte die kirchliche Reform nicht durchführen können ohne die politische,die politische nicht ohne die kirchliche. Nur der gemeinschaftliche Fort-gang von beiden entsprach seinen ursprünglichen Gedanken.

II.

Von Karl Rudolf Hagenbach.

Als endlich der Zwiespalt der Kantone unheilbar geworden unddie fünf Orte (Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug) mit acht-tausend Mann aufgebrochen waren, rückte diesen eine Vorhut vonZürich nach Kappel entgegen. Den 11. Oktober 1531 kam es zumersten Treffen; Zwingli als einer der vordersten in der Schar derKämpfenden. Bis auf den letzten Augenblick war er es gewesen, derzürn Kainpfe geraten, und so war es auch billig, daß er sich ihmnicht entzog. Es war, als ob er eine Ahnung hätte, daß er bleibenwürde; denn als er unter häufigem und inbrünstigem Gebet mit demBanner auszog,da redete er mit seinen vertrauten Freunden der-maßen, daß man an seiner Rede wohl merkte, er hoffe nicht mehrheimzukehren." Der Umstand, daß sein Pferd beim Aufsteigen einigeSchritte rückwärts ging, ward von den ängstlichen Freunden als übleVorbedeutung gefaßt. Als der Angriff der Feinde begann und Zwingliin der vordersten Reihe stand neben den Tapfersten, da sprach zu ihmLeonhard Burkhard:Es wird uns ein bitteres Gericht vorgesetzt,Meister Ulrich! Wer soll es essen?"Ich", versetzte Zwingli,und mancher Biedermann, der hier in Gottes Hand steht, dessenwir lebend und tot sind." Auch sonst ermunterte er nebst dem