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Aus dem Cid.
Und die Türme dieser Mauern,
Ihre Festen aufzuzählenForderte wohl einen Tag.
Abzuleiten den Duero,
Der sie einschließt wie ein Mädchen,
Ist ganz über Menschenmacht.
Uebergäbe mir ZamoraMeine Schwester, Cid, so hätt' ichEine Festung; in ganz SpanienWär' ihr keine Feste gleich.
Guter Cid, von meinem VaterAls ein Kleinod mir vererbet.
Eidlich mußten wir versprechen,Lebenslang Euch hoch zu ehrenUnd zu folgen Eurem Rat;
Guter Cid, du unsres HausesSäule, tu es mir zuliebe,
Bringe Botschaft nach Zamora,
Fordre es von meiner Schwester,
Fordre es zum Tausch um alles —
Doch vergiß nicht beizufügen,
Wenn sie mir die Bitte weigert,
Daß ich nehme, was ich bat."
„Freilich weiß ich nicht", antwortetIhm der Cid, „je mehr die MauernVon Zamora ich betrachte,
Desto kühner, desto stolzerScheinen sie mir dazustehn."
„Recht", spricht Sancho, „recht geredet;Dieses sind die ersten Mauern,
Die nicht deinem Anblick zittern." —
Und je näher Cid der Stadt kam,Ging sein muntres Roß BabiecaLangsam und hing seinen Kops.
Grad einreiten in ZamoraWill der Cid, als ihn die Wache,Ihn mit seinen fünfzehn KriegernAnhält, draußen vor dem Tor.Laut und lauter wird der Lärmen,Lauter das Geschrei der Straßen,Bis es zur Jnfantin drang.
Und in ihren TrauerkleidernEilet schnell sie auf die Mauer,
Als — das Schrecken von Castilien,
Sie den Cid da vor sich sieht.
Ihre schönen Augen netzenTränen; an die Mauer drücketSie die Brust, enthüllt ihr Antlitz,
Und, vorbreitend ihre Arme,
Rufet sie ihm furchtbar zu:
„Da du uns zu Feinden haben wolltest,Warum klapsest du an unsre Tore?
Da durch dich wir hier im Jammer leben,Warum kommst du, und was willst du weiter ?Da, der Freundschaft Maske weggeworfen,Du dem Unrecht deinen Arm geliehen, —Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!Deine Ehre ist verloren!
Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!
Seit er seinen Eid an mir gebrochen,Den er zuschwur einer Königstochter,
Mich zu schirmen; mich, die einst ihn liebte,Und noch jetzt sein Bild in diesen MauernEhrt, in Mauern, die er kommt zu stürmen;Seit, von seinem neuen Glücke trunken,
Er vergaß die schönen Jugendtage,
Die an meines Vaters Hof er lebte: —Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!Deine Ehre ist verloren!
Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!
Dem mein Vater Ritterwaffen reichte,Meine Mutter selbst den Zelter zuführt',
Ich anschnallete die goldnen Sporen,Knieend auf dem Marmor. Er bemerkteDamals uicht, was jedes Mädchen merket;Er vergisset, was er war, und denkt nur,Was er ist. Auch ich, so manches dacht' ich,Was der Himmel mir um meiner FehlerWillen nicht vergönnte. Meine ElternHoben ihn; er stürzte mich hernieder.
Weil ich denn um seinetwillen weine, —Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!Deine Ehre ist verloren!
Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!