Aus dem Cld. 2gZ
Ich ei» Weib, dazu noch jung und zärtlich,Kann ihm zwar kein Leid vom Himmelwünschen;
Hat er mich mit seinem Stolz beleidigt,
Hat er innig mir das Herz verwundet,Kommen von ihm alle meine Leiden,
So komm' aus ihn meine Güt' und Gnade;Ich verzeih' ihm. Er darf mich beleid'genOhne Strafe: denn des jungen Ritters,Seiner, in der prächt'gen Kirche zu Coimbra,Werd' ich stets gedenken. — Aber dennoch —Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!Deine Ehre ist verloren!
Rückwärts, rückwärts, stolzer Eid!
Daß er nicht den Bruch des Eids ver-hindert,
Den Don Sancho meinem Vater zuschwur,Daß er seinem Raube nicht gewehret,
Der dem Don Garzia, Don AlfonsoIhre Reiche nahm — der eine schmachtetIm Gefängnisse; der andre mußteZu Ungläub'gen fliehen, zu den Heiden —Daß Don Sancho meiner armen Schwester,Die im Kloster jetzt von Milde lebet,
Toro, ihr rechtmäßig Erbteil, raubte,
Und der Eid auch dieses ihm nicht wehrte;Daß mein Bruder nicht, und auch der Eid
nicht,
Tief erröten, mich hier zu bekämpfen,
Mich, die Schwester, mich, ein schwachesWeib nur,
Die zu Waffen nichts sonst hat als Tränen —Deshalb —
Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!Deine Ehre ist verloren!
Rückwärts, rückwärts, stolzer Eid!"
Also sprach, gepreßt den BusenAn die Mauer, Doüa Uraca;
So antwortet sie dem Eid.
Er, betroffen von der Antwort,
Hält verworren; dann aus einmalLenkt er um sein Roß Babieca:„Rückwärts!" höret man ihn murmeln,
„Rückwärts!" zwischen seinen LippenReitend nach dem Lager stumm.
Und so kommt er von ZamoraWohl von manchem Pfeil verwundet,Der auch ohne Spitz' und Eisen,
Tief im Herzen bohrend glüht.
Stillversunken in Gedanken,
Gab der Eid, als von Zamora,
Jenes Tages er zurückkam,
Stracks gab er dem König SanchoRechenschaft von seiner Botschaft,
Der ihm diese Worte sprach:
„Solches ist der Kön'ge Schicksal,Wenn sie mit zu wenig KlugheitZu viel Ehr' erzeigen einem,
Einem stolzen Untertan.
Ihr, Graf von Bivar, ich weiß es,Jenen kecken ZamoranernRietet Ihr den UngehorsamUnd das Widerstreben an.
Eure Weisheitsregeln kenn' ich;Fortan sind sie nicht die meinen;
Und zu meinen Füßen lägeAugenblicks hier Euer Kopf,
Hätt' ich es nicht meinem Vater,
Ich mit allen nieinen BrüdernAuf sein Haupt zuschwören müssenEuch zu ehren. Fort dann! FortAus Castilien. Weg aus allenMeinen Reichen."
„Auch aus denen,
Die ich Euch erobert habe?
Oder nur aus denen Reichen,
Die ich, König, Euch erhielt?"
„Fort aus allen!" — Don Rodrigo,Der gedankenvoll erst dastand,
Lächelte, sah ruhig um sich,
Und — bestieg sein Roß Babieca;Todesstille herrscht im Lager:
Denn der Eid — er ist hinweg!