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Fremdenbuch für Heidelberg und die Umgegend / von K.C. Leonhard
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vormaliger Vergoldung, und in höchster Höhe thront auch hier dieGöttin der Gerechtigkeit, an ihren Attributen kenntlich. Die Ver-zierungen, mit welchen beide Fafaden überladen sind, zeugen vomGeschmacke derzeit, in welcher der Hau entstand; das Ganze istdadurch eher schwer und steif, als leicht und gefällig geworden.Besonders auffallend wird diess an der gegen die Stadt gekehrtenSeite, weniger an der dem inneren Hofraume zugewendeten, wo,zwischen den Nischen kolossaler Fenster, die übergrossen Statuenstehen. Diese tragen das Gepräge einer der Skulptur wenig gün-stigen Zeit. Die Kostüme der alten Pfalzgrafen und Kurfürsten, wieman solche gewählt, waren für die Bildhauerei nicht besondersgeeignet; auch sieht man, wie die Künstler, bei Komposition undStellung der Figuren, viel mit dem Zeit-Geschmacke zu kämpfenhatten, um freier von Manier bleiben zu können.

Grosses Fass.

Um einen Gegenstand nicht unbesehen zu lassen, von dem weitund breit viel Rühmens gemacht, der so oft genannt, der Aufmerk-samkeit empfohlen, auch durch zahlreiche Abbildungen und Denk-münzen verewigt worden, besuche der Fremde das- grosseFass. Es ist überflüssig zu wiederholen, was man aus zahllosenBerichten weiss. Indessen lasse man sich, von dem Manne, wel-chem die Aufsicht über den Schaz vertraut ist, die höchst merkwür-dige Geschichte des Fasses, oder vielmehr der Fässer erzählen, undman wird hören:

wie das Heidelberger Schloss seit den lezten Jahren des XVI.Jahrhunderts im Rufe steht, die grössten Fässer zu besizzen;dass Kurfürst Kahl Ludwig 1664, nachdem das älteregrosse Fass ein Werk des Pfalzgrafen Johann Kasimiraus dem Jahre 1591 im dreissigjährigen Kriege sehr A r er-fallen war, ein neues Riesen-Fass verfertigen liess, welchesim Französischen Kriege zu Ende des XVII. Jahrhundertsunbrauchbar und erst 1728 wieder ausgebessert wurde; end-lich dass das jezzige Fass, das nicht nur eine Art Europäi-scher Berühmtheit erlangte, sondern als weltberühmt zu be-frachten, unter Kurfürst Karl Theodor, 1751, in vollkomm-ner Meisterschaft ausgearbeitet und mit acht Eisen- undachtzehn Holz-Reifen gebunden worden sey, 283,200 Fla-schen aufzunehmen vermöge, aber seit 1769 leer stehe,nicht, wie mau gewöhnlich behaupte, seit 1764, in demheim grossen Brande die Löschenden noch Wein aus demFasse gereicht erhielten.