Volksseuchen im 12. Jahrhundert.
87
den Haufen. Dann fiel der Regen in Strömen. Aber schon baldbrach die Sonne wieder durch. Unbeweglich, erstickend lag dieLuft über der nassen, dampfenden Erde. Der Abend brachtewenig Kühlung und aus den Wasserlachen, mit welchen die Ebenenoch bedeckt war, stiegen dichte weisse Nebel auf. Noch in derNacht hörte ich in den nächsten Zelten seufzen und wehklagenund schon am Morgen waren welche todt. Sie sind begrabenworden, als die Leichen noch warm waren; aber noch ehe dieErde sich über ihnen schloss, hatte die Krankheit schon andereerfasst. Es fängt an mit schrecklichen Schmerzen im Kopf, dannbeginnt ein Reissen in den Gliedern und Eingeweiden, der ganzeKörper wird glühend heiss und zittert gleich darauf wieder vorKälte. Manche liegen still und steif, andere schlagen mit Händenund Eüssen um sich und sprechen verwirrte Worte. Die LippenAverden weiss, die Augen stier, und wenn nicht bald ein Schweisseintritt, so geht es höchstens in einem halben Tage zu Ende,oft aber auch rascher, und ich habe schon gesehen, dass sie vonplötzlichem Schwindel erfasst jählings im Gehen zusammenstürztenund todt waren, ehe man sie ins Zelt getragen hatte. Auch wergesund wird, braucht lange Zeit, bis er wieder zu Kräften kommt.Oft sehe ich Todte auf der Erde liegen, die Hände darin einge-graben, gestorben ohne Priester und Arzt und Freund, und eskommt vor, dass Leichen Tage lang über der Erde stehen, ob-wohl bei der glühenden Hitze schon in den ersten Stunden einschrecklicher Geruch von ihnen ausgeht; auch in der Stadt hebtsich das Sterben an. Das Volk murrt über den Kaiser, dass ernoch immer nicht das Lager auf hebt, nicht wenige haben sichschon fortgestohlen. Schon sind Tausende gestorben, auch dieThiere fallen in Massen, und überall merkt man den Leichenqualmin der Luft. Am G. August, am 4. Tage der Pest haben wirdie Zelte in Brand gesteckt und sind nach Norden aufgebrochen.Es ist zu spät gewesen, der Todesengel ist mit uns gezogen,Hunderte haben das Gift in sich mitgenommen und stecken dieandern an. Es ist ein Jammer zu sehen, wie die Leichen amWege liegen, Avie die Kranken sich Aveiter schleppen, so langedie Eüsse sie tragen, und blicht einer zusammen, wir müssenihn liegen lassen, wenn er uns auch flehend die Arme nachstreckt.Anfangs war die Seuche mehr unter dem gemeinen Volk, abernun rafft sie auch unter den Herren einen nach dem andern fort.Todt sind die Bischöfe von Prag , Lüttich , Regensburg , Verden und Speier, unter vielen Grafen auch Ludolf von Dassel, desErzbischofs Bruder; die Ritter sind bereits nicht mehr zu zählen.Heute am Himmelfahrts-Abend ist auch Rainald gestorben. Wirwaren im Angesicht von Viterbo , als ich ihn im Sattel wankensah; ohne mich wäre er vom Ross gefallen. Wir betteten ihnzur Seite der Strasse. ... In Viterbo wurde der Leichnam ein-balsamiert, auf eine Tragbahre gelegt und mitgeführt; denn meinHerr wollte im Kölner Dom begraben sein. Noch immer dauert