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14. Jahrhundert. Judenverfolgungen.
verbrannte; er äussert aber, wie auch andere Berichterstatter,seinen Zweifel, ob dies mit Hecht geschehen sei. Gewöhnlichscheinen die Juden schon der Verfolgung ausgesetzt gewesen zusein, ehe die Pest sich am betreffenden Orte zeigte. Nach einemvon Lechner p. 73 mitgetheilten Aktenstücke hatte man ums Jahr1349 in Stralsund , Wismar und Rostock mit den Juden peinlicheVerhöre angestellt, da ein Lübecker Jude, wohl ebenso gefoltert,gestanden haben sollte, an vielen Orten Pest -Gift gelegt zu haben.Auch in England wurden die Juden der Vergiftung angeklagt; es fin-det sich aber wohl kein Beispiel, dass man sie deshalb verfolgt hätte.
Von späteren Judenverfolgungen im 14. Jahrhundert seiennoch folgende kurz erwähnt; sie scheinen theilweise auf einzelneOrte beschränkt geblieben zu sein. 1359 Judenverfolgungen inOesterreich. *) 1360 wurden die Juden zu Krakau und ander-wärts verbrannt. — 1370 am 14. August Juden in Brüssel ver-brannt. — 1382 Juden in Nördlingen getödtet. Um diese Zeittödteten die aufrührerischen Pariser zur Pestzeit unter andernauch alle Juden.
Papst Clemens VI. , der zu Avignon trotz der strengen Ab-sperrung, worin er lebte, jedenfalls Gelegenheit hatte, zu bemerken,dass die Juden selbst häufig von der Pest befallen wurden, nahmsie in Schutz. Er forderte die Eürsten auf, die Verfolger derJuden zu unterdrücken. In den Breves vom 4. Juli und 26. Sep-tember 1348 wurde unter Strafe des Anathems verboten, dieJuden zu verfolgen und ohne Gerichtsspruch der Obrigkeit zuverurtheilen. Daraufhin brach Herzog Albert mit vielen Truppenauf und züchtigte einige Orte, die sich in der Judenverfolgunghervorgethan hatten, nach Verdienst. König Kasimir von Polen nahm sogar die Verfolgten in sein Land auf.
Zu unserer Zeit, wo selbst das Volk über die Verbreitungansteckender Krankheiten richtigere Ansichten hat, als im Mittel-alter, ist es kaum zu begreifen, dass in einer so barbarischenWeise auf unbegründeten Verdacht hin, viele Personen demSchwerte oder dem Feuer überliefert werden konnten. Theil-weise erklärt es sich aber aus der grossen politischen Ver-wirrung und der vielfachen moralischen Verwilderung jener Zeit,wo Jeder thun konnte was er wollte, da eine polizeiliche Macht,die Unordnung zu verhindern, fehlte. Auch war die Aehnlich-keit der Krankheitssymptome mit bekannten Vergiftungserschei-nungen für das Urtheil des Volkes massgebend.**)
*) „Judaei in magna persecucione habebantur propter pestilentiam,quae in aliquibus locis praevaluit, quasi ab eis procedat execralis toxi-cacio.“ Cont. Zwetl.
**) Aretäus (Acut. III, 7) bemerkt in dieser Hinsicht sehr richtig:„infinita eorum quae in homine sunt, eandem speciem cum exterioribuscausis obtinent, succi perdentes intra corpus sunt, et exterius: morbiquoque medicamentis pernieiosis assimiles. Quocirca neque a ratione alie-num est, in pestilentia, quae Athenas afflixit, nonnullos existimasse inputeos Piraei a Peloponnensibus venena fuisse conjecta: homines enimpestilentis morbi cum lethalibus medicamentis similitudinem ignorabant.“