Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
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Brief

sich annähern, sodaß man den Schreibenden vor sich zu sehen und zu hören glaubt,und die Leichtigkeit und Natürlichkeit der brieflichen Mittheilung besteht daher indem einfachen und fließenden Ausdrucke der Gedanken, dem man Vorbereitungund Anstrengung nicht ansieht, in jenem Ausdrucke, der die Gegenstände der Mit-theilung und die Lage des Mittheilenden ungesucht und klar bezeichnet, und indemleichtverständlichen, auö den Gegenständen sich unmittelbar ergebenden Zusammen-hange der Gedanken, durch welchen sich der Brief zu einer musterhaften stylistischenDarstellung erhebt. Um einen guten Brief zu schreiben, muß man daher nicht bloßden L roff des Briefes nach obigem Grundsatz in seiner Gewalt haben, sondern auchinsbesondere einen leichten und fließenden Styl besitzen, welcher mehr oder wenigerdurch Übung im Denken und Schreiben gewonnen wird. Dunkle, schwerfälligeAusdrucke, künstliche Zusammenstellungen von Worten und Gedanken, kühne,feierliche Bilder, künstliche Perioden, die in einer Rede noch an ihrer Vtelle seinwürden, sowie eine systematische Anordnung und Classisication der Gedanken, sinddem Briefe im Allgemeinen eben so fremd, als eine verworrene, nur durch ganzeigenthümliche Ideenassociation erklärbare und durchaus unlogische oder ungram-matische Verbindung der schriftlichen Mittheilung überhaupt widerstreitet. Da aberaufStimmung sehr viel ankommt und die Einheit der Stimmung auch dem Briefedie Einheit des Tones mittheilt, wodurch er als ein Ganzes auf den Empfängerzu wirken vermag, so ist es für den Brief sehr Vortheilhaft, ihn in Einem Zuge undzwar wo möglich in der Stimmung zu vollenden, welche der Brief hervorbrin-gen soll, wobei, wie sich aus Obigem ergiebt, diejenige Stimmung vorzuziehenist, welche unserer und des Verhältnisses, in welchem wir zu Andern stehen, amwürdigsten ist. Ist aber ein guter Brief überhaupt derjenige, welcher seinen beson-dern Zweck aufeine den Grundsätzen der st> listischen Darstellung angemessene Weiseerfüllt, so ist ein geistreicher und in ästhetischer Hinsicht sich empfehlender Brief einsolcher, in welchem eine durch Feinheit und Mannigfaltigkeit der Gedanken, sowiedurch Leichtigkeit der Gcdankeiiinitthcilung ausgezeichnete Individualität sich demVerhältnisse, welches der schriftlichen Mittheilung zum Grunde liegt, vollkommenangemessen auSspricht. Wir verlangen daher von dem musterhaften Briefe, daßer, aus der Eigenthümlichkeit des Schreibenden hervorgegangen, dieselbe auchbezeichne; aber wir fodern damit auch, daß der Brief, um auf den Empfänger diegewünschte Wirkung hervorzubringen, die Eigenthümlichkeit desselben gleichfallsbeachte und sich derselben anschließe. Das Übrige hängt von der besondern Beschaf-fenheit des Verhältnisses zwischen Schreiberund Empfänger ab, worüber die Theo-rie Nichts bestimmen kann, und es ist daher ebenso lächerlich, wenn dieselbe dienothwendige Rücksicht auf den Empfänger bis zur Verleugnung der Individualitätdes Schreibenden treiben will und ihm eine kriechende Unterwürfigkeit und heuch-lerische Demuth oder eine mattherzige Schlauigkeit zur Pflicht macht, als es zweck-widrig und aller Sitte zuwider wäre, sich des Briefes nur zum Ausdruck des Stol-zes und der Eitelkeit zu bedienen. Folgende bei Abfassung eines Briefes allge-mein anwendbare Grundsätze ergeben sich aus dem Obigen: 1) Der Schreibendestelle sich klar, lebhaft und vollständig vor, an wen, worüber und in welcher Lageer schreibe. 2) Um nichts Wesentliches zu vergessen, frage er sich insbesondere, wasden Hauptgegenstand des Briefes ausmachen solle, und was zur vollständigen Aus-führung desselben gehöre. Was die Anordnung anlangt, 3) so denke sich derSchreibende die Gegenstände seines Briefes in derjenigen Folge, welche der Wir-kung, die der Brief hervorbringen soll, am angemessensten ist und welche die leich-testen und natürlichsten Übergänge von einem Gegenstände zum andern möglichmacht. So wird auch der Zusammenhang und die Einheit des Briefes befördert.Zu den Klugheitsregeln gehört eS, daß man Dasjenige, was den Empfänger be-trifft und für ihn das Wichtigste ist, vorausstellt, die Angelegenheiten aber, welche