Briefsteller 209
feinden hinausgeht, und je größer die Darstellungsgabe des Schreibenden ist, um somehr allgemeines ästhetisches Interesse, wie z. B. die Briefe von Geliert, Messing,Rabener rc. Er ist um so ausgezeichneter, je mehr er im Stande ist, jeden gebil-deten Leser, der sich in die Verhältnisse des Schreibenden zu versetzen vermag, zuerheitern und mit freiem, leichtem Scherz über die gemeine Wirklichkeit zu erheben.Er schließt den Scherz nicht aus, aber er darf nicht Gegenstände scherzhaft behan-deln, welche Ernst federn; er soll necken, aber nicht beleidigen, ein freies Spie!treiben, aber nicht die sittliche Grazie verletzen. — Der belehrende (didaktische)Brief endlich, der auch im weiter» Sinne vertraulicher Brief sein kann, bildet, wenner den besondern Zweck der Belehrung über irgend einen Gegenstand der mensch-lichen Erkenntniß individuell verfolgt, eine besondere Gattung des BriefstylS, welchei» den Lehrstyl übergeht. Der didaktische Brief hat sich überhaupt der Lebendigkeitdeü mündlichen LehrvortragS zu nähern. Von einer andern Seite grenzt derselbe,nebst den unterhaltenden Briese», a» die poetische Epistel (s. Epistel), sowiediese umgekehrt in den didaktischen Brief übergeht, wovon Horaz's sogenannte^r-i oder Lpiu«l.-I u<> l'iz»ue-> ein Beispiel ist. Auch wird der Brief in
dem Roman als Kunstform angewendet.
In dem Bisherigen haben wir die Grundzüge einer Theorie des BriefstylSaufgestellt. Die äußern Forme», welche beim Briefschreibc» gewöhnlich sind, unddie man unter dem Namen Courtoisie begreift, betreffen die Beobachtung derherkömmlichen Titulaturen, Formeln und Ausdrücke, welche in den verschiedenenbürgerlichen Verhältnissen gegen ganze Stände und Mitglieder derselben oder gegendie Regierung und ihre Behörden am Anfange, im Contepte oder am Schlüsse desSchreibens erfodert werden, ferner die Stellung der Worte aufdem Raume des Pa-piers, namentlich in Hinsicht der Aufschrift und Unterschrift, Format des Briefs, Zu-sammenlegung, Couvert, Siegelte., worin man gegenwärtig nicht mehr so strengund ängstlich als in früher» Zeiten ist. Man lernt diese Federungen, die sich beson-ders auf die Geschäfts- und Convenienzbriefe beziehen, auü den Anleitungen zumGeschäftSstyl und auü Briefstellern kennen. — Briefsteller sind nämlich schrift-liche Anleitungen zum Driefschrciben, durch Formulare und Beispiele erläutert.Die meiste» der vorhandenen Briefsteller beschäftigen sich nicht sowol mit dem Brief-styl überhaupt als mit den speciellen, durch gewisse freundschaftliche und bürger-liche Verhältnisse bestimmte» Forme» des Briefs. Zu erster» lieferte Stockhau-sen'S „Allerneueste Anweisung, Briefe zu schreiben" (1. Ausi., Helmsi. 1151,6. Aufl., Lpz. 1118), und Gellert's „Abhandlung von dem guten Geschmack inBriefen", welche sich bei seine» Briefen findet (Lpz. 1151, und mehrmals gedruckt),einen nicht zu verachtenden Beitrag. Unter den eigentlichen deutschen Briefstellern(um der ältern von Neukirch, Aug. Bohse, Hunold, genannt MenanteS, nur bei-läufig zu gedenken) ist Heynatz'S „Handbuch zur richtigen Verfertigung und Beur-theilung aller Arten von schriftlichen Aufsätzen des gemeinen Lebens überhaupt undinsbesondere der Briefe", Moritz'S „Anweisung zum Briefschrciben", sowie dessen„Allgemeiner deutscher Briefsteller", welcher auch eine zweckmäßige Beispielsamm-lung enthält, G. K. Claudius's „Allgcm. Briefsteller", Iul. Sternberg's „Neuerteutscher Briefsteller" (Lpz. 1825) sehr brauchbar. Auch bat man Briefsteller fürSchulen von Schlez, Kläbe und Baumgarlen. Für die Engländer schrieb u. a.Ri-chardson einen Briefsteller für das gemeine Leben („kA m iliai 1, iics"), und Iauffretfür die Franzosen s. „b'.-nl r>>lstol!>iro" (3 Bde., 12.). — Nicht bloß in Hinsichtauf die Bildung des BriefstylS, sondern auch für die genauere Kenntniß eines Zeit-alters und ausgezeichneter Menschen ist das Lesen classischer Briefe höchst belehrend,wie die Musterbriefe deü Cicero, von denen Wieland eine meisterhafte Übersetzung(1808— 9) geliefert hat. In der franz. Literatur sind die Briefe der Frau v. Se-vignü, derNinondel'Enclos, derBabet, Racine'S undDoltaire'sBriefe, die vonCo»velsalik>nS,Lvicoki. Bd. ll. 14