CamcraririS (Joachim 1.) 405
Kammercollegien. Hierzu aber reichten die bisher erworbenen eameralistischenKenntnisse nicht hin. Man begriff, daß, um sie zu lösen, i» die ganze Natur undin das Wesen des Staats und der bürgerlichen Gesellschaft eingedrungen werdenmüsse, daß man die Quellen des Nakionalreichkhums genau erforschen, dieWir-kungen aller Arten von Abgaben sich deutlich machen, und die Natur und dieFol-gen aller bürgerlichen Institutionen oder aller Gesche ergründen müsse, um bestim-men zu kennen, welche Institutionen, welche Gesetze, welche Abgaben, welcheFi-nanzverwaliung sich mit dem Zwecke des SiaatS am beste» vertrage. Es erhellte,daß der Name Eameralwissenschaften keinen genau bestimmten Begriff gebe, daßdie Wissenschaften, die für einen Kammerbeamten nöthig sind, in jedem Landeundin jeder Provinz andre sein können, und daß dahertieses Worlein fthrungeschickterAusdruck sei, um einen präcisen Begriff von einer bestimmten Wissenschaft zu ge-ben. Es wurde eingesehen, daß diejenigen Wissenschaften, welche zur Beurthei-lung und '.Administration eines Staats gehören, nicht durch den Begriff eines sounbestimmten Dinges, als die Kammer ist, erkannt werden können, sondern daßes vielmehr der Begriff des Staats ist, aus welchem hervorgeben muß, waszur Erkenntniß und zur Beurtheilung der Vollkommenheit desselben nötkig ist.So bildete sich der Begriff der Staatswissenkchasten aus und trat an die stelleder Eameralwissenschaften, ein Name, der wegen seiner Unbestimmtheit in derSprache der Wissenschaften billig ganz eingehen sollte. (Ä. StaatSwissen-sch aften.) 51.
Eamerarius (Joachim I/ , geb. den 12. April 1500 zuBamberg, einerder größten Literatoren und Polyhistoren Deutschlands , derso vielzuden Fortschrit-ten der Künsteund Wissenschaften im 16. Jahrh, beigetragen, theils durch die Aus-gaben, Übersetzungen und Eommeutare vieler griech. und latein. Autoren, theilsdurch eigne Werke, von denen die meisten lange classisch gewesen und noch heute sehrgeschätzt sind, theils endlich dadurch, daß er den Universitäten Leipzig und Tübin-gen und dem akademischen Gymnasium zu Nürnberg eine neue Gestalt gab. Auchhatte er an den politischen und religiösen Angelegenheiten seiner Zeit großen Antheilund ward mit wichtigen Verhandlungen beauftragt. Der Umfang seiner Kennt-nisse, die Weisheit und Mäßigung seiner Grundsätze, die Kraft seines Charakters,seine sanfte und überzeugende Beredsamkeit erwarben ihm die Achtung aller ausge-zeichneten Personen, und besonders der Kaiser Karl V ., Ferdinand l. und Maxi-milian l l. Sein alter Familienname Liebhard wurde in CamerariuS verwan-delt, weil seine Vorfahren am Hofe Kammermeister gewesen. 13 Jahre alt,schickte ihn sein Vater nach Leipzig , wo er unter Richard Crocus die griechischeSprache studirte. Er vertrat in einem Alter von 16 Jahren oft die Stelle sei-nes Lehrers, wenn dieser abwesend war. 1518 ging er nach Erfurt , wo er mitEobanuS Heffüs in Verbindung trat, und 1521 zog der Ruf Luther'S und Me-lanchrhon's ihn nach Wiktenberg. Mclanchthon schenkte ihm seine ganze Freund-schaft. E. war 21 I. alt, als er sein erstes Werk, die lateinische Übersetzung einerRede des DemostheneS, herausgab. Ein Jahr darauf erschienen seine Bemerkun-gen über die Tusculanen des Cicero, wodurch er mit Erasmus in Briefwechsel kam.1525 verließ er des Krieges wegen Wiktenberg und bereisete Preußen. Im folg.Jahre ward er zu Nürnberg als Lehrer der griechischen und lateinischen Spracheangestellt und 1530 von dem Senat zum Abgeordneten am Reichstage zu Augs-burg ernannt. Er nahm mit seinem Freunde Melanchrhon großen Antheil an dendortigen Berathschlazungen, in deren Folge Beide die u. d. N. der Augsburgi-schen Confession bekannte Acte Herausgaben. Vier Jahre nachher wählte ihn dernürnberger Senat zum «ecretaw, welches ehrenvolle Amt er jedoch ablehnte.Der Herzog Ulrich von Würtemberg berief ihn auf die Universität Tübingen , undyicr schrieb C. seine „Elemente der Rhetorik". Einige Zeit darauf trugen ihm