Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
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Charakter

los nennt man Den, der sich nie die Mühe gab, sich frei zu festen Grundsätzenzu erheben und ohne Kraft ist, sie zu befolgen. Man darf daher annehmen, nurstarke, große Seelen haben Charakter. Je stärker und größer, desto mehr ist ihrBetragen Folge ihrer Grundsätze, und desto treuer ist jenes diesen: eonseguente;je schwächer, desto weniger ist dies der Fall: inconseguenke Menschen. Ausgebil-dete, starke Vernunft und große Kraft des Willens machen also den Miaun vonCharakter. Sink nun diese Grundsätze dem Sittengesetze gemäß, so ist sein Cha-rakter gut; sind sie ihm entgegen, bös. Frei erworbene, sittlich gute Grundsitze unddenen gemäßes Handeln machen den Tugenhasten, frei erworbene siktl. böseGnmd-sihe u. denen gemäßes Handeln machen den Lasterhaften, den Bösewicht. Als Normsteht der Charakter des Tugendhaften da, das herrschende, beständige Streben, dasSittengesetz in allen Lagen und unter allen Derbaltnissen zu befolgen. S trenggenommen, gäbe es nun, außer diesem Cbarakter und dcni ihm völlig entgegen-gesetzten, feinen ankern, unk wir würden kst Meisten ohne Charakter sinken, wofeinnicht glücklicherweise die weitere Bedeutung die gangbarste wäre. Man kanndaher den Charakter in engerer Bedeutung den moralischen, den in weiterer denpsychologischen nennen, unter welchem man sich also zu denken hat: den beharr-lichen Bestimmungsgrund der Art zu sein und zu Hanteln in einem meiischlichenIndividuum, ohne Rücksicht, ob freie Selbstthätigkeit oder Nakurbeschaffenheitdes Individuums die Ursache desselben war. Alle Eigenheiten demnach, welche ineinem Menschen durch Naturell, Temperament, Kopf, Herz und Gemüth hervor-gebracht werden, 'Alles, wodurch er eine eigne Naturart ist, rechnet man einemMenschen in diesem Stande als Charakter an, und verwechselt daher diesen auchhäufig mit Naturell und Temperament. Die ursprüngliche Disposition zu einersolchen Naturart bringt jeder Mensch mit auf die Welt; Erziehung, Gewohnheit,Umgang, Schicksale und andere Umstände tragen das Meiste zur Bildung des Be-harrlichen darin bei. Wie wichtig sorgfältigere Untersuchungen hierüber für Errei-chung unserer Absichten, und mithin für Glück und Ruhe unsers Lebens seien,braucht nicht erinnert zu werden. (S. Menschenkenntnis.) Wenn nun derphilosophische Menschenforscher die Verschiedenheit der menschlichen Natur nachihrem Grade und Zusammenhange erkennt, so stellt sie uns der Künstler dar fürdie Einbildungskraft. Diese ist steis auf Anschaulichkeit gerichtet, aber nickt aufeine solche, die uns die Gegenstände wie im fernen Nebel versckwimmend, mit nurschwankenden Umrissen, sondern auf eine solche, die uns dieselben in möglichstbestimmten Umrissen vor die Seele führt. Das Bezeichnendste des Gegenstandesmuß zu diesem Behufe herausgehoben werten von der Seite, von welcher eS geratejetzt unsere Aufmei'ksmikeit fesseln soll, und mit solchen Zügen dargestellt, welchedie ehemalige freie Beobachtung so lebhaft erneuern, daß wir gleichsam mit unmit-telbarer Gegenwart des Gegenstandes getäuscht werden. Daher z. B. jene Bei-wörter Homer'S: da? schwerwandelnde Hornvieh, die erdaufwühleiidcn Schweine,der armstützende Stab, der langauSstrcckende Tod ». s. w., oder der Pappel silber-wechseliide Blätter bci Voß u. a. ni. Haben aber diese Dichter mit den hinzuge-fügten Beiwörtern etwas Andres gethan als charakterisirt, den eigensten Charaktereine? Gegenstandes hervorgehoben, um diesen uns dadurch näher zu stellen ? Poe-tstche Schilderest» und Beschreibungen würden sehr matt und kahl ausfallen ohnesolche vergegenwärtigende und gleichsam belebende Charakterisirungcm Nicht aberin diesen allein sind sie nothwendig, sonder» in jeder Gattung der Poesie, im Klein-sten wie im Größten, im Theile wie im Ganzen, und jede schöne Kunst erreichtihren Zweck gehörig nur durch sie. Zarter, feiner, tiefer Sinn, rege, lebhaft auf-fassende Einbildungskraft für alle empfindbare Äußerungen und Züge des Charak-teristischen in der Natur und Menschheit sind dem Kunstgenie wesentlich; eben da-durch erschließt es in u»S Andern den Sinn dafür und lehrt uns auch in dieser Hin-