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Charakteristik in der Poesie
ficht Welt und Leben kennen, wie wir sie vorher nie gekannt. Mit wie andernAugen sehen wir beide an, wenn der Dichter, der Maler, Bildhauer, Tonkunst-ler uns aus Erscheinungen, Äußerungen, Zustände und Verhältnisse aufmerksamgemacht haben, an denen wir sonst, ohne sie zu beachten oder nur zu bemerken,vorübergingen! In die Augen springt jedoch, daß nicht jede schöne Kunst die Cha-raktere aller Gegenstände darstellen könne, denn jede ist auf einen gewissen Kreisbeschränkt; die bildende Kunst auf Gegenstände der äußern Welt, die Tonkunstauf Gefühle. Die Poesie allein umfaßt die äußere und innere Welt, und da ihreSphäre gerade so weit reicht als ihr Darstellungsmittel, die Sprache, so ergibt sich,daß eigentlich kein Gegenstand sei, den sie nicht darstellen könne. So viele Gegen-stände sie aber darstellen kann, so viele kann und soll sie auch charakterisiren. Hierist im Allgemeinen keine Grenzlinie zu ziehen, außer welche das SchönheitSgefühlbei Ekel und Abscheu erregenden Gegenständen zieht. Das Charakterisiren beziehtsich nun entweder auf die äußere Form und Beschaffenheit, oder auf die, innereKraft und Wirksamkeit, oder auf den Ausdruck des Innern durch das Äußere.Welches von diesen dargestellt werde: immer soll es so dargestellt sein, daß cSerscheint als ein echter Abdruck der Natur, denn ohne Naturwahrheit ist die Kunstnur ein leeres, bedeutungsloses Spiel; zugleich aber auch so, daß die Einbildungs-kraft dadurch in eine lebhafte und dem gegenwärtigen Zweck entsprechende Thätig-keit versetzt werde. Soll die« geschehen, so muß die herausgehobene Eigenthüm-lichkeit anschaulich, sinnlich klar, Leben erregend, gedrängt bezeichnet sein, undden Gegenstand eben nur von der Seite mit Bestimmtheit bezeichnen, von welcherer eben jetzt unser Interesse auf sich ziehen soll. Dies Letztere versteht sich wol vonselbst, weil ja sonst der Dichter inS Unendliche ausschweifen könnte, ohne uns demZwecke nur im mindesten näher zu führen. Übrigens kann über das Mehr oderWeniger lediglich das Gesetz der Zweckmäßigkeit entscheiden. Mancherlei Mittelstehen dem Dichter zu Gebote: jetzt wird er mit einem einzigen Beiworte ausreichen,jetzt eines ausgemalten Gleichnisse-, bald einer längern Beschreibung, bald einerausführlichen Schilderung bedürfen. Einigen Unterschied zwar verursacht hierindie besondere Natur der verschiedenen Dichtungöarten; doch bezieht sich dieser mehrauf die Mittel als auf die Behandlung. Das Charakterisiren kommt aber in derPoesie hauptsächlich vor bei der Darstellung menschlicher Charaktere (Charakter-zeichnung), sodaß man vorzugsweise an sie zu denken pflegt, wenn von Charak-terisiern in Werken der Poesie die Rede ist. Es versteht sich von selbst, daß mitder Anfoderung an den Dichter, er solle Charaktere darstellen, nicht gemeint seinkönne, er solle nur solche Personen in seinen Werken vorführen, welche im strengenSinne Charakter haben. Nur Engel oder Teufel würden dann in seiner Welterscheinen, mithin meistWesen, wie wir sie in der Natur nicht, oder nur als selteneAusnahmen finden. Ist es nun gleich nicht wahr, was man öfters behauptethat, daß wir in ihrer Gesellschaft Langeweile finden und unsere Theilnahme nichterregt fühlen würden (denn wir fühlen uns von Milton's Satan, Klopstock's Adra-mclech aufs höchste interessirt, und es ist kein Zweifel, daß wir durch die Auf-stellung eines echt tugendhaften Menschen, wenn er z. B. im Kampfe gegen Ver-suchung und Schicksal als wahrhaft erhabener Gegenstand nur durch seinen Todsiegt, die innigste Theilnahme für ihn erregen würden), so würde doch der Dichternur um Extreme schweben. Wenn es daher gleich keine noch so große erhabeneHandlung gibt, deren die menschliche Natur nicht fähig wäre, so hat es dochschwerlich einen Menschen gegeben, dessen Weisheit mit keinem Zusähe von Thor-heit, dessen Tugend mit keinem Fehler, keiner Schwäche gemischt gewesen war.Nur Wesen dieser Art hält der Mensch im Durchschnitt für seines Gleichen, undder Dichter hat nicht die Verpflichtung des Moralisten auf sich) uns sittliche Idealeder menschlichen Natur aufzustellen, sondern er schildert die Menschen wie sie sind,