Band 
Zweiter Band. Bo bis C.
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643
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Christenthum 642

reiner Beisätze, die man erst ausscheiden müßte, um zu erfahren, was es sein soll.Dazu könnte man nun nicht sicherer kommen, als wenn man auf dem Wege derhistorischen Untersuchung die Religion, welche Jesus selbst hatte, in seinem Lebendarstellte und der Welt geben wollte, d. i. die ursprüngliche Regel, das ideale Chri-stenthum ausmittelke, würde nur dabei die Gefahr, den eignen Geist und Sinn indie Auslegung der allerdings nicht vollständigen und mannigfaltigem Verständnißblosigegebenen Urkunden der Entstehungsgeschichte des Christenthums hineinzutra-gen und ergänzend die Ergebnisse zu verfälschen, durch fromme Demuth und unbe-fangene Wahrheitsliebe abgewendet. Aber diese Aufgabe zu lösen ist selbst denredlichsten Forschern bis jetzt nicht Völlig gelungen, und auch unter den, wenigerdurch ConfessionS-und Sekteugeist als durch die Verschiedenheit der wissenschaft-lichen Methoden und philosophischen Grundsätze getrennte», christliche»Theologenunserer Zeit noch streitig, auf welcher Grundlage der, übrigens immer einstimmigeranerkannte, einfache Zuhält der Religion Jesu beruhe. (Vgl. d. Art. Religion,Offenbarung, Rationalismus und Supernaturaliömus.) Die-ser stellt sich durch feine Wirkung aufdie weit von einander abweichenden geistigenRichtungen utik Eigenthümlichkeiten der Völker, die das Christenthum zuerst em-pfingen, als allgemeine, der ganzen Menschheit zusagende Wahrheit und Alles eini-gende, göttliche Kraft dar. Die Juden hatten im Glauben an einen lebendigenGott und Schöpfer aller Dinge den Quell der Religiosität festgehalten, die Grie-chen gründliche, im Leben brauchbare Wissenschaft angebaut, die Römer Grund-sätze des Rechts und der Staatsverfassung aufgestellt und durch Erfahrung erprobt.Diese zerstreuten, in ihrer vereinzelten Wirksamkeit zur wahren Beglückung undsittlichen Vollendung des geselligen und individuellen Lebens der Mensche» unzu-länglichen Grundstoffe der Bildung läuterte, ergänzte und verband das Christen-thum durch das Gesetz einer reinen Menschlichkeit, dessen höchster Zweck, dieMen-schen gut und selig zu machen, wie Gott ist, in der vonChristuö angekündigten undVerwirklichten Idee eines göttlichen Reichs auf Erden alle Mittel zu seiner Aus-führung findet. Seine Religion brachte, was jenen Völkern fehlte, in die grie-chische Wissenschaft religiösen Gehalt, in die römische Gesetzlichkeit sittliche Würde,in die jüdische Frömmigkeit Freiheit und Licht, und indem sie das Gebot einer allge-meinen Bruderliebe verkündete, erhob sie den engherzigen Nationalgeist zumWeltbürgersinn. So fanden die Bestrebungen des Bildungsganges der altenWelt im Christenthum ihren höher» Wirkungspunkt und zugleich den Antrieb, ge-meinnütziger zu machen, was Geheimthuerei und Kastengeist der Menge sonst vor-enthielt. Die höchsten Ideen, die wichtigsten Wahrheiten und Rechte, die rein-sten Gesetze des sittlichen Lebens führte es allen Geschlechtern (s. Frauen) undStänden zu; die Möglichkeit einer vollkommenen Tugend bewies es durch daöBei-spiel seines Stifters; den Frieden der Welt begründete es durch das Wort von derVersöhnung der Menschen mit Gott und unter einander, und ihre innigste Neigungauf Jesus , den Anfänger und Vollender des Glaubens, den gekreuzigten, aufer-standenen und verherrlichten Mittler zwischen Himmel und Erde richtend, lehrtees sie den gerechten und wohlthätigen Zusammenhang des Lebens nach dem Todemit dem gegenwärtigen erkennen. Die Geschichte Jesu und die VorbereitungenGottes auf seine Sendung waren der Stoff, aus dem sich unter den Christen dieAhnung dieses Inhalts und dieser Bedeutung ihrer Religion entwickelte.

In Jerusalem entstand bald nach dem Tode Jesu die erste Gemeinde, eineandre zu Antiochien in Syrien brachte (um K5) den Namen Christianen oder Chri-sten auf, der ihnen ursprünglich von ihren Gegnern als Schimpfname beigelegtward, und die Reisen der Apostel verbreiteten das Christenthum in allen Gegendendes römischen Reichs; Palästina, Syrien, Kleinasien, Griechenland , die Inseln desMittelmecres, Italien und die Nordküste von Afrika wurden schon im 1. Jahrh.