644 Christenthum
Sitze christlicher Gemeinden. Einfach nnd ihrem beschränkten Zustande angemessen,bildeten sie ihr kirchliches Leben; im Wechsel mannigfaltiger Bedrückungen erstark-ten sie. (Dgl. Verfolgungen.) Am Ende des 2. Jahrh, waren in allen Pro-vinzen, am Ende des 3. fast die Hälfte der Bewohner des römischen Reichs undVieler angrenzenden Länder Christen. Das Streben nach Einheit des Glaubens(S. Orthodoxie) und die Kirchenverfassung veranlaßten unzählige Reibungen mitAndersdenkenden, Zrrlehrern und Ketzern (vgl. K etzer und Sekten) und führtenzu jener anmaßenden Priesterherrschaft, von der das gestürzte Zudenthum ein nirdie ersten Christen so drückendes Beispiel gegeben hatte. Nachdem nun zu Anfangdes 4. Jahrh, durch Konstantin den Großen die Christen erst Duldung und balddarauf das Übergewicht im römischen Reiche gewonnen hatten, übten die Bischöfeihre Macht als Gesetzgeber des Glaubens auf der ersten allgemeinen Kirchenver-sammlung (s. Nicäa ) 325 durch Aufstellung eines für alle Christen bindendenGlaubensbekenntnisses aus. Auf dieser Grundlage haben die spätern Concilien(s. d.) mit Hülfe der Schriftsteller, welche die Kirche als ihre Vater und Lehrer ehrt(s. Kirchenvater, HieronymuS, Ambrosius, Augustinus u. A. in?,das Gebäude des rechtgläubigen (orthodofen) Lehrbegriffs aufgeführt, während dieObern der in Priester verwandelten und als ein bevorrechteter heiliger Stand(s. Klerus, Geistlichkeit, Priester) über die Laien erhobenen Geistlichen,theils durch den immer weiter um sich greifenden Einfluß der ihnen übertragenenKirchenzucht, theils „durch die von ihnen in Umlauf gesetzte Meinung besonderer,nur auf sie vererbter Überlieferungen aus dem Munde der Apostel (s. Tradition),die ihnen anfangs aus Liebe und Dankbarkeit bewilligten und von ihnen folge-recht erweiterten Vorrechte vor allen andern Christen zu heiligen und sich allmä-lig zu Herren der Kirche zu machen wußten. (L). Bischöfe, Patriarchen,Papstthum, Hierarchie). Dabei unterstützte sie nicht weniger die durchZulian's Regierung und vorübergehende Launen seiner Nachfolger ohne großenNachtheil unterbrochene Begünstigung von Seiten der Kaiser (s. Theodosluöder Große), als die vermehrte Pracht und Mannigfaltigkeit des Gottesdienstes(s. Messe, Heilige, Reliquien, Bilderstürmer), der beim Sinken derclassischen Geistesbildung wachsende Aberglaube der ohnehin unwissenden Völkerund das unter seinem Schatten glücklich gedeihende Mönchswesen. (W. Klöster.)Zn dieser, mehr den Sinn als den Geist ansprechenden Gestalt kam das schonseit dem 4. Jahrh, unter den Gothen bekannte Christenthum zu den übrigen ger-manischen Völkern im W. und N. von Europa , und wußte die rohen Krieger, dieauf den Trümmern des weströmischen Kaiserthums neue Reiche gründeten, durchdie Macht des Glaubens im 7. und 8. Zahrh. allmälig unter seine Herrschaft zubringen, während es sein Gebiet in 'Asien und Afrika an die Saracenen verlor, unterderen Bedrückungen Hunderttausende schwacher Christen zum MohammedisrnuSübergingen, und fast nur die von der orthodoxen Kirche verstoßenen ketzerischenParteien im Orient (s. Iakobiten, Kopten, Armenier, Maroniten,Nestorianer) sich behaupteten. Bei diesem Wechsel der Dinge, der in Europa nur Spanien und Sicilien traf, gewann das nun immer planmäßiger zur geist-lichen Obergewalt über das Abendland vordringende römische Papstthum (s. d.vnd Gregor VII ). im N. und bald auch im O. dieses WeltkheilS durch die Bekeh-rung der slawischen und skandinavischenVölkcr (vom 10. bis ins 12. Jahrh.) mehr,als ihm anderwärts entrissen werden konnte. Denn jene Eroberungen der Mo-hammedaner hatten hauptsächlich das Gebiet der schon seit dem 5. Zahrh. mit deroccidentalischen und dem römischen Stuhle ergebenen (lateinischen) Kirche nichtMehr einigen und allmälig ganz von ihr abweichenden orientalischen Kirche (s. Grie-chische Kirche) verheert, und diese erhielt erst im 10. Zahrh. durch die Bekeh-rung der Russen neue Anhänger, die jetzt ihre mächtigste Stütze sind; die Kreuz-