Conversation 865
tionSton zu haben, wenn jene feinern Cirkel, worin er herrscht, nicht zugleich auchdie gebildeter» Cirkel waren. Die Feinheit bezieht sich auf das sittliche Gefühl,die Bildung bezieht sich auf den Geist. Wie dürste es Einer wagen, sich den Ge-bildeten zuzuzahlen, dessen Geist nie aushebere als bloß sinnliche Bedürfnisse ge-richtet gewesen wäre, der über Welt und Menschen nie ernster nachgedacht, vonder Natur und Bestimmung des Menschen, der Einrichtung göttlicher und mensch-licher Verfassungen, den Ereignissen der Zeit und den Ursachen derselben in derVergangenheit sich keine Kenntnisse verschafft hätte; wenn auch nicht gelehrte,doch wenigstens recht geordnete und deutliche. Demnach sind Philosophie des Le-bens, Natur- und Menschenkunde, die Kenntniß der Erde, die Geschichte derNatur und Menschheit Kenntnisse, die für ihn so unerläßlich sind als Ausbildungdes Geschmacks durch Aneignung der Schönheiten der Kunst. Wer ohne solcheKenntnisse und Bildung zum geselligen Umgänge kommt, der wird bei aller eingeüb-ten höfischen Sitte doch nur ein Figurant bleiben, oder, wenn er Dünkel genug hat,der sich freilich mit Unwissenheit gewöhnlich paart, ein leererSchwätzer sein, denman in wahrhaft feinen und gebildeten En keln nur duldet, wenn nian etwa ausRücksichten muß. Die wahre gute Lebensart besteht also nicht darin, daß manviele leere Worte sagt; die menschliche Gesellschaft hat einen erhabenern Zweck, undihre Bemühungen beruhen auf einem bessern Grunde. Der Mensch setzt sich untersich selbst herab, wenn er redet, um Nichts zu sagen. Rousseau sagt daher mitRecht: „Der gute gesellschaftliche Ton ist weder schwerfällig noch flatterhaft, erist fließend und natürlich, verständig ohne pedantisch, fröhlich ohne lärmend, zier-lich ohne gekünstelt, artig ohne abgeschmackt, scherzhaft ohne zweideutig zu sein.Man macht weder Abhandlungen noch Epigramme; man spricht vernünftig, ohneschulgerechte Schlüsse zu machen; man scherzt ohne Wortspiele und verbindet aufeine geschickte Arc Witz und Vernunft, Lehren und gute Einfälle, sinnreiche Sa-tyren, gut angebrachte Schmeicheleien und strSchge Moral; man spricht da vonAllem, damit Jeder Etwas sagen könne, vertieft sich aber nicht in Untersuchungen,um nicht Langeweile zu erregen; wirft nur im Vorbeigehen Fragen auf und han-delt sie schnell ab; spricht deutlich und also auch zierlich; Zeder sagt seine Meinungund unterstützt sie mit wenigen Worten; Keiner bestreuet die eines Andern mitHitze; Keiner vertheidigt die seinige mit Hartnäckigkeit; man untersucht, um sichzu belehren, und hört auf, ehe man in Streit geräth; Zeder unterrichtet, Zederunterhält sich, Alle gehen vergnügt auseinander, und selbst der Weise kann würdi-gen Stoff zu stillen Betrachtungen mit sich nehmen". Hauptsache bei der Con-versation ist: das Gemeine zu vermeiden oder doch gut einzukleiden; allein es er-fodert einen reichen Fonds von Ausbildung und Geist, immer etwas Gutes undFeines zusagen, und noch seltener ist ein immer regsamer Takt, um das Wort zuseiner Zeit zu sagen oder zu unterdrücken. Das poetische Genie fehlt oft darin, daß eswenig und passend seine Funken sprüht; das humoristische, daß es zu viel und unge-zügelt glänzt. Die Grazien des Widerspruchs, wenn sie nicht maskirte Furien sind,reizende naive Vestalinnen, wenn sie nicht über der Obhut des heiligen Feuers sichsteif gesessen haben, sind besonders angenehme Gesellschafterinnen. Der fröhlicheWeingott färbt gern alle Abstufungen der Conversation mit Hellern Farben; dochdarf er nicht die Hefe seines Pokals zur Farbengebung mischen. Der Dorwurf,den man so oft der Bildung zur guten und feinen Lebensart gemacht hat, daß siedie Falschheit begünstige und Ehrlichkeit beeinträchtige, dürste sogar gewichtig nichtsein. Muß denn die Ehrlichkeit eben plump und grob sein? SchonLessing sagte:„Man ist doch auch verzweifelt wenig, wenn man nichts ist als ein ehrlicher Kerl".Wir Deutsche legen auf die bloße Ehrlichkeit, die sich doch wol von selbst ver-stehe,, sollte, ein viel zu großes Gewicht, und unsere Schauspieldichter lassen oft,und zwar in Schauspielen, deren Benennung: EonversationSstücke, man alsConversations-Lericon. Bd. ll. 55