Band 
Vierter Band. F bis G.
Seite
259
JPEG-Download
 

259

Frankreich seit 1820 bis 1829

die Oberhand; die rechte Seite schien beruhigt, und die linke bildete eine nur nochsehr kraftlose Opposition. Das neue Ministerium nahm sogleich den Vorschlag einerVerlängerung der Censur zurück, und diese hörte gesetzlich aufmit dem 5. Febr. 1822.Dagegen wurde die Untersuchung aller Vergehungen durch die Preffe den Geschwor-nen entzogen, obgleich Deserre für die Beibehaltung dcrIury s. Stimme abgeben ließ.Die Rechtsgelehrken im rechten Centrum, vorzüglich Bestärk und Martignac , sämmt-lich Gegner des Geschwornengerichts, drangen mit ihrer Ansicht durch. Unter diesenUniständen gab es keine Zeit, das Budget von 1822 vorzulegen; die Kammern be-willigten daher abermals der Regierung ein Provisorium. — Das neue Regierungs-system hatte auf den öffentlichen Credit keinen nachtheiligen Einfluß; doch äußertesich in den Provinzen die Unzufriedenheit der demokrat. Partei. Man entdeckte sogaram Ende 1821 in der Kriegsschule zu Soumur unter den Offerieren und Soldateneine Verschwörung zu Gunsten des jungen Napoleon, und 1822 mehre gleichzeitigeAnschläge zum Aufstande der Garnisonen von Belfort, Saumur , Ncubreisach undMetz, wo die dreifarbige Fahne wehen sollte: es gab Unruhen in Grenoble, Bordeaux ,Reimes, Rochelle und Nantes . Die Verschwörung des Gen. Berten kam wirklichzum AuSbruche, den 24. Febr., allein s. Unternehmen auf Saumur mißlang; so auchim Aug. der Aufruhr des Obristlieutenant Caron im Elsaß. In Paris veranlaßtendie Missionaren unruhige Auftritte, und mehrmals wiederholte Studententumultehatten die Aufhebung der Medicin. Facultät (die jedoch im März 1823, neu organi-sier, wiederhergestellt wurde) in Paris und das Verbot aller Vorlesungen über neuereGeschichte, NaturrechtundPhilosophiezurFolge. Zu gleicher Zeit wurden einigeDe-partementS durch viele Brandstiftungen beunruhigt. Alles dies reizte die Partei dersogen. Fanatiker (wie man die überspannten Royalisten nannte, zum Unterschiedevon den Politikern oder den gemäßigten Royalisten) zu heftigen Ausfällen auf die An-hänger des liberalen Systems, welche oft mit Bitterkeit und rücksichtsloser Leiden-schaft die Resultate der Revolution als wohlthätig für Frankreich darzustellen such-ten. Doch behauptete Laflkte nicht mit Unrecht, der Ackerbau verdanke seine Fort-schritte voizüglich der Revolution, und die Industrie ihren Flor der kaiserl. Regie-rung. Da die linke Seite ober stets überstimmt, und ihre Redner öfters zur Ordnunggerufen wurden, so ergriff sie zuletzt den Entschluß, nicht mehr zu stimmen. Auchin der Pairskammer siegte das aristokrat. Princip. Lie faßte u. A. den Beschluß,daß kein Pair jemals wegen bürgerlicher Schulden in Verhaft genommen werdenkönne, ungeachtet nach der Charte alle Franzosen vor dem Gesetze gleich sein sollten.Endlich wurde die stürmische Sitzung von 1821 am 1. Mai 1822 geschlossen.

Die Wahlen der neuen Deputirten wurden jetzt von der Regierung beinaheausschließend geleitet; der Finanzminister Villale erließ sogar ein Unilaufschrei-ben, worin allen wahlberechtigten öffentlichen Beamten zur Pflicht gemacht wurde,im Sinne des Ministeriums zu stimmen. Obgleich nun die Candidaten der Op-position bei den Wahlen in Paris den Vorzug erhielten, so betrug dennoch unter80 neu gewählten Deputirten die Zahl der antiministeriellGesinnten nur 31. Hier-auf eröffnete der König im Saale des Louvre am 4. Juni die Sitzung der Kam-mernvon1822, welche bis zum 17.Aug. d.I.dauerte, und schon amII.Iunierklärte Villöle, daß die seit 9 Jahren nothwendig gewesene Bewilligung einesProvisoriums aufhöre, indem er den Entwurf des ButgetS von 1823 vorlegte.Die Talente und die Mäßigung dieses Ministers erwarben ihm in der Leitung deröffentlichen Angelegenheiten ein solches Übergewicht, daß ihn der König am 4.Sept. zum Präsidenten des Ministerconseils ernannte. Auch auf die öffentlicheMeinung wußte er durch das ministerielle Organ, das „lournu l lle» elabu l-,", mitErfolg einzuwirken. Allein die Ultras der rechten Seite waren mit seiner Mäßi-gung sehr unzufrieden. „Wir haben ihn erhoben", sagten sie in den Salons,,,un) nun, da er oben fleht, wendet er der Leiter den Rücken". Herr v. Dillöle

1 ? *