Band 
Vierter Band. F bis G.
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Geißelungen

gen. Schon seit den ersten Jahrh. n. Chr. hatten einzelne Schwärmer durch frei-willige Martern des Leibes die für die begangenen Sünden verwirkte göttliche Strafeabzubüßen und den gerechten Vergelter gleichsam zum Mitgleid und zur Verzeihungzu reizen gesucht. Um an den Leiden Christi Theil zu nehmen und sich der Entsün-digung durch ihn desto gewisser zu machen, erwählten Viele, wie der Abt Regina zuPrüm im 10. Jahrh., dazu die Geißelung; doch wurde diese Art von Büßung erstvom 11. Jahrh, an allgemeiner, da Petrus Damiani von Ravenna , Abr des Be-nedictinerklosters Sama-Croce d'Avellano bei Gubbio in Italien , später Cardinal-bischof von Ostia , der Christenheit und insbesondere den Mönchen die Geißelung zurBuße für ihre Sünden auf das dringendste empfahl. Sein Beispiel und der Rufseiner Heiligkeit verschaffte seiner Ermahnung Eingang; Geistliche und Laien, Män-ner und Weiber singen an mit Ruthen, Riemen und Ketten gegen ihren Körper zuwüthen; man sehte Zeiten fest, um diese Schlägezucht (llisoiplin-i) an sich zu ver-richten. Fürsten ließe» sich entkleidet von ihren Beichtvatern geißeln. Ludwig IX. von Frankreich trug zu diesem Behufe eine elfenbeinerne Büchse mit 5 kleinen eiser-nen Ketten beständig bei sich und ermunterte seinen Beichtvater, derb zuzuschlagen,auch theilte er dergl.Kettenbüchsen an die Prinzen und Prinzessinnen seines Hausesund andre gute Freunde als besondere Gnadengeschenke zu gleichem Gebrauche aus.Der Wahn, sich durch diese Geißelungen von Sünden zu reinigen, wurde in derletzten Hälfte des 13. Jahrh, zu einer Raserei, die ganze Länder ergriff. „Um dieseZeit", schreibt der paduanische Mönch in seiner Chronik beim 1.1260, „da ganzItalien von Lastern befleckt war, gaben sich plötzlich einem unerhörten Unterneh-men erst die Perugianer, dann die Römer und endlich alle Völker Italiens hin.Die Furcht Christi kam so stark über sie, daß Edelleute und Unadclige, Alte undJunge nackend ohne Scham durch die Straßen der Städte umherzogen; jeder trugeine Geißel von Riemen, womit er sich unter Seufzen und Weinen, unter Absin-gung von Dußpsalmen und Anrufung der Barmherzigkeit Gottes bis aufs Blutpeitschte. Nicht nur bei Tage, auch des Nachts liefen sie so im härtesten Winterzu Hunderten und Tausenden mit brennenden Wachslichtern durch Städte undKirchen, durch Dörfer und Flecken. Da schwiegen alle musikalische Instrumente,und kein Lied der Liebe ertönte mehr; man hörte nur den kläglichen Gesang der Bü-ßenden. Die Augen der Härtesten konnten sich der Thränen nicht enthalten, Uneini-ge söhnten sich mit einander aus, Wucherer und Räuber eilten, das ungerechte Gutwiederzugeben, noch »»entdeckte Missethäter bekannten ihre Verbrechen u. s. w."Aber diese Buße artete bald in ein tumulkuarisches Schwärmen, ja in ein Gewerbeaus. Die Büßenden vereinigten sich zu Brüderschaften, Flagellatori in Italien ,Flagellanten (s. d.) in Frankreich , Geißler, Geißelbrüder, Flegler und Benglerin Deutschland genannt. Nach der konstanzer Kirchenversammlung (1414—18)wurden Geistliche und Laien des Geißelns nach und nach überdrüssig; die Francis-canermönche in Frankreich ((lnrilelle,^) haben es noch am längsten getrieben. Daßein so widersinniger Gebrauch sich so lange erhalten konnte, wird bei den außeror-dentlichen Wirkungen, die man sich davon versprach, nicht befremden. Das Gei-ßeln vertrat nach den Begriffen des Mittelalters jede Art der Buße, welche dieBeichtväter wegen begangener Sünden auflegten. 3000 Hiebe unter Absingung von30 Psalmen galten ein Jahr, 30,000 Hiebe 10 Jahr Buße u. s. w. Eine ital.Witwe im 11. Jahrh, rühmte sich, durch Selbügcißelung für 100 I. Buße ge-than zu haben, wozu nicht weniger als 300,000 Streiche gehörten. Überdies gabdie Meinung, daß man durch die Selbstpeinigung auch bei der größten Sünden-schuld der Hölle entfliehen und sich den Ruf besonderer Heiligkeit erwerben könne,dem Geißeln in den Augen der Schuldbewußten und Ehrgeizigen einen Reiz, d > diekörperlichen Schmerzen so lange überwog, bis die Einbildungen der Andächtelci vordem Lichte einer bessern Erkenntniß verschwanden. k.