VII
Damit fällt namentlich auch der gewichtig scheinendeEinwurf, die Sprache unseres Autors widerspreche der römi-schen Sprache im Zeitalter eines Cicero und Horaz, undsei vielmehr in die Zeit des äußersten Verfalls zu setzen.Der Schluß aus dem Stil ohne Rücksicht auf Stand undVerhältnisse des Autors führt leicht zu Fehlgriffen. Vitru-vius war nicht von Haus aus zum Schriftsteller geboren.Die Functionen vom Palier bis zum Baumeister sind auchnicht dazu angethan, zu literarischer Thätigkeit und zurEntwicklung des Stils Zeit und Gelegenheit zu geben, unddie Sprache manches Technikers auch unseres Jahrhundertsdürfte sich zu der Goethe's genau so verhalten, wie die desVitruvius zu der einer literarischen Größe der augusteischenEpoche. Die Undeutlichkeit und Ausdrucksschwache, der ge-legentliche Schwulst und ein gewisses kindisches Wesen, wasan Vitruv so unangenehm berührt, gehört dem Autor undnicht seiner Zeit.
Obwohl der Uebersetzer sich jetzt nahezu ein Jahrzehendmit dem Autor beschäftigt und dadurch das reichhaltige Werkmit seinen vielen reizenden Dunkelheiten lieb gewonnen hat,so kann er doch nicht umhin, dieses herbe Urtheil in vollemMaße geltend zu machen. Was jedoch darüber hinausgeht,muß er bestimmt zurückweisen. Läßt sich z. B. Schultz hin-reißen zu erklären, „Vitruv sei ein alberner Mensch, einKind, das vom Bauen keinen Begriff hat", weil er verlangt,daß man die Ziegel erst aufs Dach lege und sie so erprobe,ehe man sie zum Mauern verwende, so verweise ich nur aufmeine ganz abweichende Erklärung der betreffenden Stelle(S. 61).