Buch 
Des Vitruvius zehn Bücher über Architektur / übers. und durch Anmerkungen und Risse erläutert von Franz Reber
Entstehung
Seite
3
JPEG-Download
 

3

lung nöthig ist, hergestellt wird. Die Theorie aber ist es, welchedas handwerksmäßig Hergestellte durch inneres Verständniß und aufGrund der Verhältnißgesetze erklären und erörtern kann. 2. Sokonnten die Baumeister, welche ohne rein wissenschaftliche Schule ihrBestreben nur auf Handfertigkeit gerichtet hatten, es nicht dahinbringen, ein ihren Leistungen entsprechendes Ansehen zu erlangen;diejenigen aber, welche sich auf Theorien und wissenschaftliche Ausbil-dung allein gestützt, scheinen einen Schatten und nicht die Sacheangestrebt zu haben. Hingegen diejenigen, welche sich beides eigengemacht, erreichten schneller und mit glänzendem Erfolge ihr vorgesetz-tes Ziel. 3. Denn wie in Allem, so sind ganz besonders auch inder Architektur diese beiden Dinge enthalten: das Dargestellte unddas Darzustellende. Dargestellt wird der vorgesteckte Gegenstand,um den es sich handelt, diesen aber stellt dar die auf Grund wissen-schaftlicher Gesetze entwickelte Erklärung. Deshalb scheint derjenigenach beiden Seiten hin geübt sein zu müssen, der öffentlich als Bau-meister auftritt.

So muß er sowohl talentvoll sein, als gelehrig für die Wissen-schaft; denn weder Talent ohne Wissenschaft, noch Wissenschaft ohneTalent kann einen vollendeten Künstler schaffen; auch soll er stilistischgebildet sein, kundig des Zeichnens, geschult in der Geometrie, inder Optik nicht unwissend und in der Arithmetik unterrichtet, er sollmehrfache geschichtliche Kenntnisse besitzen, die Philosophen fleißig ge-hört haben, sich auf Tonkunst verstehen, der Heilkunst nicht unkundigsein, mit den Entscheidungen der Rechtsgelehrten vertraut sein, dieSternkunde und die Gesetze des Himmels kennen gelernt haben.

4. Und zwar aus folgenden Ursachen: Stilistisch gebildet mußder Baumeister sein, damit er durch schriftliche Aufzeichnungen eindauerndes Andenken begründen könne. Dann muß er von der Zeich-nungskunst Kenntniß haben, damit er um so leichter durch gemalteVorbilder die beabsichtigte Gestalt des Werkes darzustellen vermöge.Die Geometrie aber bietet der Baukunst mehrfache Hilfsmittel dar,und sie zunächst überliefert den Gebrauch von Lineal und Zirkel,wodurch hauptsächlich die Riffe der Gebäude auf ebener Fläche leichterzu Stande gebracht werden, und die Richtungen der rechten Winkel,der wagrechten Flächen und der geraden Linien. Ferner werden,

1 *