128
Gestalten und Geschicke
denken muß man so; dann kommt es einem auch so ins Herz,und man weiß nichts mehr anders. Aber sieh. was ist das?Du mein Gott!" Es war eine Brüt junger Wachteln; wahr-scheinlich hatte die Mutter mit ihren Kleinen ins nahe Ge-büsch fliehen wollen und, als sie merkte, daß es nicht ging, dieJungen, welche ihr gefolgt, noch einmal unter ihre schirmen-den Flügel gesammelt und so mit ihnen den Tod gefunden.Sie lag mit ausgebreiteten Flügeln tot, unter denselben undum sie her ihre Jungen alle; sie war den Tod der Treuegestorben. „So wäre es einem am wöhlsten," sagte Uli. Vreneliantwortete nicht darauf, sondern sammelte die armen Tierchenin seine Schürze und sagte, die müsse ihm keine Katze fressenoder ein ander wüst Tier. Die Alte mit ihren Kindern ver-diene begraben zu werden wie ein Mensch; denn braver alsmancher Mensch hätte sie gehandelt.
51. Küthi, die Grotzmrrtter.
Von Jeremias Gotthelf.
-Die Tage wurden kürzer; wer nicht mit den Hüh-nern zu Bette wollte, mußte die Lampe hervorsuchen. Inandern Jahren hatte Käthi Oel gehabt von ihrem Flachs-samen; ach, und wie brannte das eigene Öl so schön und hell;solches kriegte sie nie beim Krämer, wie teuer es auch war!Dieses Jahr hatte Käthi keinen Flachssamen, mußte zumKrämer gehen. Fleißige Weiber tun solche Gänge gegenAbend. Das Restchen Sonnenlicht reicht nicht zur Arbeit, istaber vollkommen genügend zu einem kurzen Gange auf ge-wohntem Wege.
Als Käthi ins Dorf kam, sah sie viele Leute beisammenflehen, andere liefen fort, andere herbei; dabei war ein Re-den und Händeverwerfen, daß es Käthi recht angst wurde.Feuer sah man keins, Krieg war nicht, vom Ausjagen derObrigkeit war nicht die Rede gewesen, und doch mußte eseiwas Wichtiges sein. Es werde ein Mann seine Frau halbtot geschlagen oder ein Pintenwirt sich gehängt haben; eswerde für sie nichts Schlimmes sein, allweg werde es siewenig angehen, dachte Käthi und wollte vorübergehen. Dariefen zehn Stimmen auf Käthi los: „Hast sie auch, hast sieauch?" Käthi erschrak; „Herr Jesus, was soll ich haben?"rief sie. „Die Erdäpfelkrankheit, den Erdävfelpresten", riefes von allen Seiten. Sie fühle nichts, sagte Käthi, sie sei eine