2m Jahresrmg
255
123. Säerspruch.
Von Tonrad Ferdinand Meyer.
Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung!
Die Erde bleibt noch lange jung!
Dort fällt ein Korn, das stirbt und ruht.
Die Ruh' ist süß. Es hat es gut.
Hier eins, das durch die Scholle bricht.
Es hat es gut. Süß ist das Licht,
Und keines fällt aus dieser Welt,
Und jedes fällt, wie's Gott gefällt.
124. Winternacht.
Von Josef v. Eichendorff.
Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab' nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
Hat längst sein Laub verstreuet.
Der Wind nur geht bei stiller NachtUnd rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sachtUnd redet wie im Traume.
Er träumt von künft'ger Frühlingszeit,Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen BlütenkleidZu Gottes Lob wird rauschen.
125. Winterlandschaft.
Von Friedrich Hebbel.
Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche,
Bis auf den letzten Hauch von Leben leer,'
Die muntern Pulse stockten längst, die Bäche,
Es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr.
Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise,Erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab,
Und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise,
So gräbt er, glaub' ich, sich hinein ins Grab.
Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend.Wirft einen letzten Blick aufs öde Land,
Doch, gähnend auf dem Thron des Lebens sitzend.Trotzt ihr der Tod im weißen Festgewand.