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Dichterleben
auf dem Dir bekannten Bilde, obgleich er bei Gelegenheitsehr vornehm soll sein können. Seine feinen Züge sind etwasverfallen, er ist kränklich (Hypochonder), so daß ihm nur einpaar Stunden Arbeitsfähigkeit des Tages bleiben. Er ist jetzt60 Jahre alt.
Er nahm mich bei beiden Händen, guckte mir in die Augenund sagte, zu seiner Frau gewandt: „Gelt, Alte, so habe wiruns ihn ungefähr vorgestellt." Mein und Constanzes Bildhängen seit einem Jahre über seinem Sofa. Er ist in seinemWesen ganz wie in seinen Schriften. Mir ist nie ein Menschvorgekommen, der sich mit solcher Gegenständlichkeit aus-drückt. „Als ich vorhin bin heraufgekomme, hab ich mir dieStufe müsse darauf ansehe, ob wohl der Storm darüber ge-stiege is." Dann führte er mich in die Schlafstube und zeigtemir zwei Rotkehlchen. Ich hatte ihm von meines VatersSprehen geschrieben. „Richtige Gold- und Silberfäde ziehe sieheraus; sie singe so leise, man meint, sie wolle das Kind nitwecke."
Bei ihnen im Hause ist Mörikes Schwester Clara und seineSchwiegermutter. Nachdem wir gegessen und Kaffee (dazuschwäbisches Gebäck) getrunken hatten, gingen wir, Mörike,Hartlaub und ich, ein paar Stunden meist in der Stadtspazieren. Die Stadt machte mir durch ihre altertümlicheEinfachheit einen behaglichen Eindruck, zumal auch die Klei-dung der Leute mir hier viel anspruchsloser als im Nordenerscheint. Dazu die freundlichen Weinberge, die man überallsteht, und dann war ich in so guter Gesellschaft. Nach Hausezurückgekehrt, zogen wir uns in das Hintere Zimmer zurück.Mörike machte, obwohl es noch hell war, die Jalousien dicht,ließ eine Lampe bringen und fragte seine Frau, „ob sie wasWarmes zu schlürfe hab". Dann Tee mit schwäbischem Ge-bäck. Mörike schleppte mir aus seiner kleinen Arbeitsstubeseinen großen Korduanlehnstuhl herbei. Ich begann zu trinkenund er las, und zwar gut und ohne Dialekt „Mozart aufder Reise nach Prag". Es ist ein kleines Meisterstück, worinalles frei erfunden ist. Bei einer Lesepause wandte sich Hart-laub ganz erregt nach mir um: „I bitt Sie," sagte er,,, istdas nu zum Aushalte?" Es war in der Tat schön. Mörikeist ein eifriger Musikkenner, kommt aber mit seiner Liebenicht über Haydn und Mozart hinaus, die er und Hartlaub„die Seligen" nennen, wie Schiller und Goethe. Tags darauf— ich logierte bei Mörike und schlief wie ein Prinz unter