prächtig waren, nicht wegen der Widerlegung, sondernwegen des Widerlegten.
Als der Erlöser am Kreuz hing und das müde Hauptim Sterben neigte, zitterten alle Bäume ob des Entsetzlichen,das geschah, nur die Espe nicht; darauf hat der Herrsie verflucht und ihre Blätter zittern noch heute beständig,auch wenn sich kein Lüftchen regt; — und ein Vvgelchen,von Mitleid ergriffen, näherte sich dem Kreuze und ver-suchte, mit Flügelschlägen sich schwebend erhaltend, dieNägel aus den Händen herauszuziehen; noch heute siehtman am Rotkehlchen die Blutspuren davon. — Wenerfreuen nicht diese beiden Legenden und wen stört es, inder Empfindung ihrer rührenden Einfalt und Schönheit,daß man sie nicht wörtlich nehmen darf? Wer fühlt esnicht, daß sie, indem sie Tier und Pflanze Mitleid empfin-dend schildern, auf die unzugängliche Härte des menschlichenHerzens hindeuten wollen. Wird aber eine solche sym-bolische Sage — und dergleichen sind die meisten Anek-doten, deren Unrichtigkeit als Geschichte ich verzeichnet habe—, als Geschichte erzählt, so steigen natürlicherweise sofortallerhand Bedenken in uns auf und trüben den reinenGenuß, — ein Übelstand, der ganz wegfällt, wenn mansie giebt als das, was sie ist.
Fast wörtlich kann man auf den Treppen Witz der Welt-geschichte die schönen Verse anwenden, welche Friedrich vonSallet in seinem Laien-Evangelium über die Sage ge-dichtet hat:
„Die fromme Sage gleicht dem goldnen Ei.
Das blinkt geheimnisvoll aus weichem Neste.
Neugier'ge Kinder lockt der Glanz herbei.
Wird ihnen Tag siir Tag zu neuem Feste.
Sie ahnen nicht in frohem tiindcSmnt.
Dass in deni Ei lebend'ge Kräfte gährcn.
Bis es bebrütet von des Geistes Glut,
Den goldnen Wundervogcl muh gebären.