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Einleitung.
Schiller an dem Stoffe feilen und putzen müssen, um ihndarstellbar zu machen. Im Schlosse zu Friedland (in Böhmen),jetzt der Familie Clam-Gallas gehörend, findet man ein Por-trait des Feldherrn, zu welchem derselbe dem Maler selbst ge-sessen; nach beglaubigten Dokumenten ist es das ähnlichste,welches auf uns gekommen, während das im Schlosse Dux beiTeplitz, dem heutigen Sitze der Waldsteins, mehr oder wenigerein Phantasiegebilde des Künstlers sein soll. Schiller dürftenur das im Rathause zu Eger befindliche gekannt haben, welchesvon van Dyk herrühren soll. Das Folgende ist einem Artikelder Zeitschrift „Europa" (Jahrgang 1870) von H. Scheubeentnommen:
„Wir Pflegen uns den berühmten Heerführer des dreißigjährigen Krieges als einenfinster blickenden Mann mit kurz geschorenem, rotem Haupthaar und starkem, gleich-farbigem Zwickelbart vorzustellen; als solchen zeigt ihn das im Rathause zu Egerhängende Bildnis, desgleichen das in der Galerie des Metternichschen Schlosses Königs-werth befindliche. Das Friedländcr Bild weicht hiervon vollständig ab. Wir erblickenauf demselben eine mittelgroße Gestalt mit einem auffallend spitzen kleinen Kopfe,welchen bis über die Schultern Hinabfallendes braunes Haar umwallt, ganz so, wiewir es auf den Portraits seines großen Gegners, Gustav Adolfs von Schweden sehen.Auch der spärliche Schnurr- und der Zwickelbart sind braun. Das schmale Gesicht hateinen matten, verschleierten, beinahe krankhaften Ausdruck! Von dem ihm nachge-rühmten Adlerblicke läßt sich nichts gewahren. Verschlagenheit, Hinterlist und Heim-tücke lesen wir wohl in diesen gekniffenen, gespannten Zügen, vom Genius deS Heldensteht nichts darin, und ein solcher — das haben seitdem die geschichtlichen Forschungengenugsam dargethan — ist Wallenstein ja auch nicht gewesen, höchstens ein um keinMittel verlegener, geschickter Parteigänger und Intriguant. Die Tracht ist das all-gemeine Offizierskostüm jener Tage, wie wir es noch bei Cromwell finden: gelbesLederkoller, weiche Nollstiefel, Stulphandschuhe und bcquasteter, sich breit über dasWams umlegender, weißer Leinwandkragen. „Albrecht Eusebius Graf von Waldstein",so lautet die Inschrift auf dem am oberen Rande des Rahmens eingefügten Schilde.Alle anderen Portraits Wa llenfteins, die ich gesehen, machten einen ungleich bedeutenderenEindruck: an dem des Friedländcr Schlosses würde der Beschauer viel-leicht gleichgültig vorübergehen, wüßte er nicht, wessen Conterfei ergegenüberstünde. Zur Linken des Bildes hängt einKnicstück: Marie Elisabeth,die nachmalige Gemahlin eines Grafen Rudolph von Kaunitz, Wallenfteins Tochteraus seiner zweiten Ehe mit Isabclla Gräfin von Harrach. Es ist Schillers Thekla,die schöne schwärmerische Thekla, welche „der Eichwald brauset, die Wolken ziehn" indie Nacht hinausklagt, in angstvoller Sehnsucht nach ihrem geliebten Max. HätteSchiller nur einen Blick auf dies langgedchnte, fadblonde Gesicht mit den eiseskalten,nichtssagenden Zügen gethan, — wer weiß, ob er uns die unsterbliche Gestalt seinerThekla hinterlassen haben würde. Da ist auch nicht ein Hauch von poetisch-romantischemSchmelze, der diese frostige Marie Elisabeth mit ihrer ewig taugen Wespentaille unddem horriblen Gebäude weißblonder Locken umkleidet. Keck und hochmütig schaut sie indie Welt hinein, wie eine moderne, hochadlige Pensionscomtesse."