Buch 
Geschichte der Volksseuchen nach und mit den Berichten der Zeitgenossen, mit Berücksichtigung der Thierseuchen / von Dr. B. M. Lersch
Entstehung
Seite
9
JPEG-Download
 

Atheniensische Pest.

9

Auch Perikies Sohn Xanthippos, seine Schwester seine liebstenVerwandten und Freunde raffte die Pest dahin, endlich seinenLieblingssohn Paralos (430). (Eine Abzehrung von längererDauer, nicht die Pest, führte den Tod von Perikies herbei 429.)

Allmälig wurden dann auch andere volkreiche Städte davon be-fallen.DieKleoner wurden ebenso wie die Athener von der pestar-tigenKrankeit bedrängt; nach einem Orakelspruche aus D elphi opfer-ten sie der eben aufgehenden Sonne einen Bock, und da sieErlösung von dem Uebel fanden, schickten sie dem Apolloeinen ehernen Bock. Paus. X, 11. Im Peloponnes trat dieKrankheit nur wenig auf (Thuk. II, 54). Die äusserst grossebei Windstille herrschende Hitze des Sommers 427 oder 426fiel nicht mit der Höhe der Epidemie zusammen; doch lebte zuAthen die Pest im Jahre 426 wieder auf.

Thukydides wagt es nicht, sich über die Natur der be-schriebenen Seuche, über ihren Ursprung und die Gründe ihresso starken Auftretens auszusprechen. Diejenigen, welche sich inunsern Tagen mit -der Geschichte der Seuchen vorzugsweisebeschäftigen, sind über die Natur der Atheniensischen Pest un-einig und erklären sie theils für die Bubonenpest, oder nocheher, für Typhus oder, wie Hirsch, wenigstens für ein Gemischverschiedener Krankheiten, oder, wie französische Gelehrte esthun, für Pocken. Für die Bubonenpest würde der Umstandsprechen, dass in den Hippokratischen Schriften von Bubonenmehrfach die Rede ist. Für Pocken könnte man vielleichtnoch anführen, dass Livius (IV. 30) vom Jahre 428 berichtet,es habe sich damals bei grossem Wassermangel eine ansteckendescabies vom Vieh auf die Landleute und Sclaven, dann auchauf die Stadtbewohner übertragen. Waren dies vielleicht Kuh-pocken? ,: * * **) ) Drei Jahre lang herrschten schon die Seuchen beiGetreidemangel.

In den Jahren 423 und 419 soll die Pest wieder in Rom geherrscht haben und 417 wieder in Griechenland . (Kircher.)Bereits 415 hatte Athen sichvon den Folgen der Pest unddes langwierigen Krieges so weit erholt, dass es grosse Rüstun-gen machen konnte. (Thuk.)

Seuchen der Mannschaft an der Küste Siciliens vereitelten

Hyeme ineunte morbus iterum corripit Athenienses, nunquam ille quidemomnino quietus sed, aliquantulum tarnen interquiescens, tune vero immo-ratus non minus solido anno, prius autem etiam biennio et nihil magisAtheniensium vitas afflixit. Neque enim pauciores 4400 ordinariorummilitum, 300 equitum extincti sunt; nam alterius turbae numerus inirinon potest.

*) Paul v. Aegina (1Y. 22) im 7. Jahrh. n. Ohr. führt eine Stelle ausHippokrates an, worin es heisst: Am schlimmsten sind die Bubonen,welche zum Fieber hinzutreten; meistens ist es dann die Pest, sei es, dasssie die Schenkeln, die Achseln oder den Hals befallen.

**) Vgl. Jahr 395. Auch das Heer Alexanders litt viel durcheine contagiöse und mörderischescabies, wie Curtius (IX. 8) erzählt.Hier kann man noch eher die Frage aufwerfen: Waren es Menschen-pocken ?