Band 
Zweyter Theil [1].
Seite
167
JPEG-Download
 

Carracci .

Carracci . 167

Natur und aus den beßten Kunstwerken zusammen-gezogene Art eigenthümlich gemacht. Weniger er-haben in seinen Ideen, weniger fein und bestimmtin seinen Charakteren, nicht immer so sinnreich undzweckmäßig in seinen Anordnungen als Sanzio,waren seine Erfindungen doch allezeit groß, geist-reich und auf Wahrheit gegründet; seine Charaktereimmer stark, und seine Compositionen meistens tiefüberdacht und von angenehmer Wirkung. Er zeich-nete zwar weniger gelehrt als Michael Angel », undseine Umrisse des Nackten sind nicht so schön, wiejene Raphaels, kontrastiert; dennoch sind seine männ-lichen, und besonders seine jugendlichen Formensowohl elegant als auch richtig gezeichnet, undhaben einen Ton der Wahrheit an sich, den manbey beyden obgenanntcn großen Männern oft ver-mißt. Seine weiblichen Formen hingegen sind weitweniger zierlich, und haben das feine und zarteVerhältniß nicht, welches gegen das starke Männ-liche kontrastieren sollte. Seine Färbung ist nichtso tauschend wahr, wie die Färbung des Titians,kömmt ihr aber bisweilen ganz nahe, und ist, imAllgemeinen betrachtet, stark, und der Natur imGanzen getreu; denn Anmbal betrachtete diesenHaupttheil der Kunst nicht als den wichtigsten wiesolches Tirian that, der dann aber dafür wesent-lichere Eigenschaften der Malerey bey Seite fetzte;daher konnte jener sein Colorit nicht mit gleicherGeistesanstrengung und Zeitaufwand wie dieserausführen, zeigte aber in manchen seiner Gemäl-de, daß er es zu Stande gebracht haben würde,wenn er es zu seiner Hauptsache hätte machenwollen. Das Helldunkel suchte er aus der Naturund nach den Werken des Correggio in seine Werkezu bringen; weil er aber die .großen Massen dergebrochenen Töne dieses Meisters darin anbrachte,ohne desselben ausscrvrdentlich feines optisches Ge-fühl zu haben, so bekamen seine Gemälde dadurchoft einen etwas düstern und in das Graue fallendenHaupt-Ton. Und kurz: Wenn Anmbal uns zwarkeine Werke geliefert hak, wo er in der Erfindung,Anordnung, Zeichnung und Charakteristik den Ra-Phael, im Colorit den Litian, und in der Anwen-dung des Helldunkels den Correggio ganz erreichthatte, jo hat er uns doch Gemälde hinterlassen, indenen, im Ganzen betrachtet, alle diese Haupttheileder Kunst in einem so hohen Grade vereinigt sind,auf welchen es vor und nach ihm kein Maler ge-bracht hat. Nur für die Grazie und Anmuth, be-sonders in weiblichen Figuren, war, wie gesagt,sein starker Geist weniger empfänglich, wovon in-dessen die Ursache vielleicht in seinem cholerischenTemperament, in seiner jugendlichen Erziehung,und in seiner späten Bekanntschaft mit den schönenWissenschaften vornehmlich gesucht werden muß."Hanmbals vorzüglichste Etafeleygemälde, eben sowie seine Galerie, und die beßten Stiche nach den-selben, werden von eben erwähntem Schriftsteller(l. c. 150—rAg.) ausführlich und äusserst lehrreichbeschrieben. Das bisher vollständigste Verzeichnisdann aller sowohl nach ihm gestochenen, als dervon ihm selbst geätzten Blätter, findet sich beyHeinecke (III. 650—676.), letztre auch bey Rost(l>l. 264—66.), der die richtige Bemerkung macht:Daß das Werk der Carracci das interessanteste undlehrreichste aller italienischen Schulen deswegen sey,lveil fast alle großen Siecher aus allen Ländern nachihnen, vorzüglich aber eben nach Hannibal ge-stochen haben. Einige wenige neuere, seit Hei-s Katalog erschienene, dürften in dem lDmk-«erschen zu finden seyn. Ueber die von ihm selbstgeatzten. welche Hannibal bloß zu seinem Vergnü-gen verfertigte, ist das Urtheil der Kenner allge-mein: Daß, wenn sie gleich denjenigen seines-oruders nicht beykommen, solche nichts desto«vernger überall die Meisterhand verrathen, und ingroßem Geschmacke gearbeitet, überhaupt aber mitAugust,ns seinen nicht zu vergleichen sind, da letztrerunsers Wissens bloß mit dem Grabstichel, Hannibalhingegen einzig mit der Nadel gearbeitet hat, undAü. auch (ungeachtet sie sich des gleichenseichens o. bedienten) ihre Blätter schon des-wegen untrüglich unterscheiden kann.

* Carracci , (Ludwig). Dieses Haupt derCarraccischen Schule war dsc Sohn eines Fleischers,Da sein ruhiger und nachdenkender Charakter nichtfür den feurigen Geist seines ersten Lehrers, Fon-tana, paßte, so riech ihm dieser die Kunst, fürwelche er nicht hinreichende Talente hatte, aufzu-geben. Ein ähnliches irriges Prognostikon stellteihm Tintorett. Ohne Zweifel reizte dieses nochstärker die Lust Und die Ehrbegierde des Jünglings,der wohl am Beßten bey sich selbst fühlte, welcherGenius in seinem Busen lebe. Er gieng nun nachFlorenz , wo er eine Zeitlang bey Paffignano ver-weilte; alsdann nach Parma, Mantua und Venedig ,wo er überall, nach den größten Meistern dieserSchulen, mit unabläßigem Fleiß studirte. So mitden tiefsten künstlerischen Einsichten ausgerüstet,kehrte er nach Bologna zurück, und trat dort seineruhmvolle Laufbahn an. Ihm gebührt bekanntlichdie Ehre, den großen Hannibale gebildet zu haben.Seine Verhältnisse mit demselben und Augustin,und ihre gemeinschaftlichen, so siegreich gelungenenBemühungen für eme Reform des verdorbenenKunstgeschmacks ihres Zeitalters haben wir schonvernommen. Er überlebte sie beyde. Indessen wares auch sein unglückliches Geschick, baß ein Ver-druß — der Kummer über ein ihm mißlungenesWerk — sein Leben verkürzte. In der Reihe seinerunsterblichen Arbeiten, die sich von ihm zu Bologna befinden, war nämlich das letzte: Der große Halb-bogen in der dortigen Karhedralkirche, welcher dieVerkündigung Maria vorstellt. Um den unge-heuern Raum auszufüllen, bildete hier Ludwig den-noch nur zwey Figuren von gigantischer Größe;desto auffallender war der seltsame Fehler an demmit einem leichten Gewände bekleideten Engel,daß man bey Verfolgung des Wurfs der Falten so-fort statt des rechten Fusses den linken, und sowieder umgekehrt den linken da entdeckt, wo manden rechten erwart« hatte -- ein Irrthum der aneinem solchen Mann wie Unser Künstler war,freylich keines tödtlichen Grams, und der langwei-ligen Faseleyen alter und neuer Kunstrichter darüberam Allerwenigsten werth war. Von Ludovico'sKunstcharakter sagt Fuß!,'(Ul 122-23-: „Diesertalentvolle Mann kann als der eigentliche Wieder-hersteller des wahren Geschmacks in der Kunst be-trachtet werden, der bekanntlich seit Parmesanüzu sinken angefangen hatte. Zwar hatte schonTibaldi durchsein mächtiges Genie merklich zu dieserWiederherstellung beygetragen, und hauptsächlichgezeigt, wie das Groß« in der Zeichnung mit demWahren darin verbunden werden könne. LudwigCarracci aber, (dessen Einbildungskraft wenigerfeurig, hingegen reicd an solchen Ideen war, diebey gemäßigten Temperamenten aus einer sorg-fältigen Betrachtung der schönen Natur und Com-binirung derselben mit den Werken jener Me st«,die in einem Haupttheil der Kunst es nahe zurVollkommenheit gebracht haben, en sieben), warzwar weniger glänzend und lebhaft, aber sorgfäl-tiger, überlegt« und bedeutender in leinen Erfin-dungen und Anordnungen. Er zeichnete itt einemeben so großen Styl, und eben so correkt wieTibaldi, zeigte aber seine Gelehrtheit in diesemTheil der Kunst nur da, wo er solche mit hinläng-lichem Grunde zeigen mußte, ohne das Nackte aufUnkosten der Wahrscheinlichkeit und des Costumshervorzuziehen. Seine Personen haben feste undbestimmte Charaktere, welches eine Folge seinermühsamen Untersuchung der Natur und RaphaelsWerken war. Seine Köpfe können zwar nicht schöngenennt werden; fie haben ab« immer etwas Edlesund Freyes in Form und Wendungen. Die Leiden-schaften wußte er mit Starke und Wahrheit auszu-drücken. Seine Drapperien sind meistens mit Ge-schmack ausgeführt. Er wußte einen guten Ge-brauch von dem Helldunkel zu machen; seine Fär-bung aber ist nicht angenehm, noch weniger wahr,und den Pinsel behandelte er mehr wie ein Zeichner,als wie «in Maler Zu seinen bewundernswürdig-sten Arbeiten gehören,sowohl der Schönheit als desungeheuern Umfangs wegen, allerdings seine siebenFreskogemalde in dem berühmten Portikus von St»