Band 
Zweyter Theil [1].
Seite
306
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zo6 Dürer .

Als er aber bald nichts mehr von seinem Lehrerlernen konnte, folgte er von nun an seinem eignenKunsttriebe u. ward nicht bloß Maler, Kupferstecher,u. Formschneiderwie wir wissen in einem ausneh-menden Grade, sondern auch Bildhauer, Bau-meister und Mathematiker. Durch seinen Verstand,seine so mannigfachen gründlichen Kenntnisse undsein vortrefliches Herz erwarb er sich allgemeineHochachtung, und die Freundschaft der gelehrtestenund edelsten deutschen Männer seiner Zeit. Da erhinwieder die Verdienste seiner Kunstgenossen inund ausser Deutschland kannte, und gehörig zuwürdigen wußte, so war er Feind aller Eifersucht,lebte in genauer Verbindung mit den meisten der-selben, bekanntlich auch mit Raphael, der seinenVerdiensten nicht minder Recht widerfahren ließ.vasari sagt von ihm.was zwar nicht viel be-reutetdaß, wenn sein Vaterland Italien ge-wesen wäre, er mit den größten Meistern hattewetteifern können, wenn'er zumal die Antiken,und die Werke der Kunst zu Rom selbst studirthätte, wodurch er seine Figuren eben so schön undedel würde vorgetragen haben, als er sie mit Wahr-heit und Klugheit zu bilden gewußt hat," Nochsind seine Verdienste, und seine wahre Charakteri-stik als Maler, unsers Wissens, nie und nirgendsgehörig gewürdiget worden. Dies könnte inDeutschland niemand besser als Gvthe, und im-mer sehr gut wird solches, wie wir hoffen einstLiorilZs thun. Unserm Ermessen nach sehr strengehat solches Heine. Füßli in seinen Vorlesungenüber die Malerey 13639. gethan, wo es heißt:«Albrecht Dürer war, meiner Meinung nach,ein Mann von großer Geschicklichkeit, ohne einGenie zu seyn. Er studirte, und, so weit seinScharfsinn reichte, fand er gewisse Verhältnissedes menschlichen Körpers; aber er erfand keinenStyl" (dürfte man nicht hinzusetzen: Desto besser?).«Jedes Gemälde von ihm ist ein Beweis, daß esihm an der Gabe der Nachahmung fehlte (?),an der Fähigkeit von dem, was er sah, auf das zuschließen, was er nicht sah; daß er die umgebendenFormen mehr copirte als auswählte, und ohneBedenken Mißgestalt und Magcrheit mit der Fülle,und zuweilen mit der Schönheit selbst, zusammen-paarte *). So ist seine Zeichnung beschaffen. Inder Komposition ist er reichhaltig ohne Geschmack,ängstlich genau in einzelnen Theilen, und achtlosgegen das Ganze; und so zeigt er uns vielmehr,was zu vermeiden, als was zu befolgen ist. Zu-weilen hat er einen Schimmer von Erhabenheit,aber auch nur einen Schimmer. Der schwere Todes-kampf Christi am Oelbcrge, und der mystische Ge-danke in seiner Figur der Melancholie, sind aller-dings erhabene Ideen; wiewohl der Ausdruck derletztem durch das unnütze Beywerk geschwächtwird. Sein Ritter, dem der Tod und der böseFeind erscheinen, ist mehr sonderbar als schreck-lich; und sein Adam und Eva sind zwey gemeineModelle, in einen felsigten Kerker gesperrt.Wenn er je in irgend einem Theile der Kunsteinige Spur von Genie verrath, so ist es in derFarbengebung. Sein Colorit gieng über sein Zeit-alter hinaus, und übertraf an Wahrheit, Umfangund Behandlung )vaphael's Oelmalerry eben sosehr, als ihn dieser in jeder andern Eigenschaftübertraf. Ich rede hier bloß von Staffeleygemäl-den. Seine Drapperie ist breit, obgleich viel zuWinklicht, und mehr gekniffen als gefaltet. Al-brecht wird gemeiniglich der Vater der deutschenSchule genannt, ob er gleich weder Schüler ge-

Dürer.

zogen hat, noch von den deutschen Künstlernseines oder des folgenden Jahrhunderts nachge-ahmt wurde" (der wichtigste Grund davon dürsteihm am Wenigsten Schande machen).Daß dieVersendung seiner Arbeiten nach Italien auf eineZeitlang eine Veränderung in der Verfahrungsarteiniger florentinjschen Maler, die den Michael Angelo studirt hatten, namentlich des Ä beiKarts und I da ponrormo bewirkt haben soll,ist ein Umstand, der zum Beweise dienen kann,daß zu Zeiten das Gemüth eben sowohl, als derKörper, epidemischen Einflüssen unterworfen ist."Uns scheint letztres denn doch ein weit Mehrereszu Leweisen!

Mit diesem Urtheile stimmt ungefähr- dasjenigeüberein, was auch der Verfasser der (wie so wenige)durchaus selbst gedachten Schrift: Auch Ich rvarin Paris (III. 158) fällt: «Der ausgebreitete Ruf,den Dürer eigentlich durch seine Verbesserungenin der Kupferstecherkunst erlangt hatte, und durchseine vielumfassenden Kenntnisse und ununterbro-chene Wirksamkeit für seine Kunst unterhielt, wurdeauch auf seine Gemälde übergetragen, und er alsder erste deutsche Künstler gepriesen, ob es gleichdamals schon beßre Zeichner und Maler gab (?)als er war; denn ausser dem natürlichen und man-nigfaltigen Ausdruck seiner Köpfe ist wenig Vor-zügliches an ihm. Aber er hatte bey unbestritte-nem Talent jene seltene Consistenz des Charaktersund Ueberlegenheit der Individualität, wodurch ersich allenthalben persönliche Achtung zu verschaffenwußte, die man dann auch unvermerkt in das Ur-theil über seine Kunst mit einstießen ließ."Ichhabe" (heißt es dann bald darauf, I. 0. 1616z.) von Albrecht Dürer gesprochen, den ich, wennauch nicht für den ersten Maler, doch für eine derersten Zierden Deutschlands halte, weil ich mir inihm die schönsten Eigenschaften der Nation, ihrenErnst und ihre Rechtlichkeit, so wie ihren Kunst-fleiß und Erfindungsgcist, auf das Trefflichstepersonifizirt denken kann, ohne die Schwächen,welche spätere Zeiten ihrem edeln Kunstcharakter an-hängten. Auch darin vorzüglich, daß er die Kunstnicht bloß , wie die meisten seiner Zeitgetiossen undLandsleute als Handwerk, sondern als Wissenschafttrieb, und alle ihre Theile umfaßte., war er einverdienstlicher Priester in dem Tempel der Göttin,der jedoch nie ganz in ihr Allerheiligstes eindrang,weil seinem meßkundigen Geiste die Flügel der Phan-tasie fehlten, oder diese Flügel ihn meistens in dasLand geschmackloser Hirngespinnste trugen. EinZeuge dessen ist auch das große Kruzifix, das sichvon ihm gemalt, hier (im Museum zu Paris ) be-findet ; eine wunderbare Zusammensetzung von Wei­ bern , Heiligen, Königen und Göttern, deren zu-sammenhängender Sinn, wen sie je einen hat, erstmühsam wie ein mathematisches Problem aufge-löst werden muß, und dann doch ausser denGränzen malerischer Dichtung liegt; übrigens vollVerdienst im Einzelnen, in Colorit, Zeichnung undPerspektiv dem aber eine ncbenstehnde Kreuzab-nehmung von Lucas von Leyden , vornämlichdurch bessere Anordnung, Zusammenstimmung undhervortretende Ründung Abbruch thut. Ebenso sind zwey dort Hangende Bildnisse von Dürer zu flach und dünne gemalt, um die Vergleichungmit den Meisterstücken Holbeins auszuhalten," u.sf-

Und nun hören wir auch die Franzosen von un-serm Deutschen an.Dürers Erfindungen(heißt es bey spareler und Levesque)warenfruchtbar an sinnreichen Gedanken, seine Kom-

*) In einer Note ebendaselbst liest man:Der Herausgeber der lateinischen Ueberseknng von Dürers Werküber die Svnimetrie des menschlichen Körpers (welche zn Paris -557. erschien) sagt: Dürer sev, wahrendfeines Aufenthalts zu ^enedig (1517.), von Andr. Mantegna , der von seiner Ausführung und Fruchtbarkeiteme hohe Meinung gefaßt habe, nach Mantua eingeladen worden/ um ihm einen Begn'f von derjenigen Formzu geben'wovon er selbst aus der Betrachtung der Antike eine schwache Ahndung erhalten hatte. Allein mitt-lerweile Albrecht sich zu der Rerse anschickte, war Andrea gestorben. Diese sehlgeschlaqene Hofnung (sagt jenerHerausgeber) bedauerte Dürer sein ganzes Leben hindurch. Und nun fetzt wieder hinzu: In wie weitder Mantuaner fähig gewesen sey, den deutschen Künstler zu unterrichten, ist hier nicht die Frage; aber dasBedauern des letztem scheint zu beweisen, daß er ein Bedürfniß fühlte, dem sein Modell nicht abhelfen konnte,"ud daß er einen zu r,»t,gen Begrif von der Wichtigkeit der Kunst hakte, um a»f die Gewandtheit der Fingervder auf die Leichtigkeit ferner Ausführung stolz zu seyn, wenn sie zu wesentlich mangelhaften oder verglei-chungswelse geringfügigen Gegenständen angewandt wurden." ^ ^